Wie wir mit Sprache malen

Wie wir mit Sprache malen – Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

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Wie wir mit Sprache malen
Dem Wesen von Lautbildern auf der Spur

Klatschen, murmeln, ticken – diese Wörter haben eines gemeinsam: Sie sind lautmalerisch. Ihr Klang gibt bereits einen Eindruck darüber, was den Inhalt des Worts ausmacht. Solche Lautbilder sind wichtiger Teil unserer Sprache und Kommunikation – und sie sind vielschichtiger und präziser als gedacht.

Wörter entstehen nicht als Tintenkleckse auf Papier sondern in zwischenmenschlicher Interaktion. Wenn wir sprechen, malen wir mit unserer Sprache. Diese Lautmalerei, manchmal als kindlich abgetan, ist in Wahrheit ein bedeutendes Ausdrucksmittel, über das alle verfügen. Wie präzise diese Lautbilder Kommunikation über sensorisches Wissen ermöglichen, haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik um Mark Dingemanse detailliert untersucht. Beim Studium von Ideophonen, anschaulich-sinnlichen Wörtern, die überall auf der Welt gebraucht werden, zeigt sich,
wie fundamental interaktiv und vielschichtig das Wesen der Sprache ist.

Der Klang der Wörter
Sprache informiert und stellt dar

Wenige Berufe sind so vertraut mit dem Wesen der Wörter wie die akademischen. Wörter sind das A und O unserer Profession. Sie halten unseren kumulativen Fortschritt fest, an ihnen wird unsere Produktivität gemessen, wenn wir Ideen mit Hilfe von Büchern, Zeitschriften und Open-access-Portalen verbreiten. Wie leicht verliebt man sich in das gedruckte Wort, in schwarze Symbole auf einem weißen Blatt mit ordentlichen Abständen, die die einzelnen Gedanken voneinander abgrenzen.

Sprache ist mehr als nur Buchstaben auf einer Seite
© SXC

Aber wie anders ist doch unser alltäglicher Umgang mit Wörtern. Wir rollen sie auf unserer Zunge, wenn wir sprechen, flüstern oder schreien. Sie werden geschmeidig, wenn wir sie vortragen, verlängern und wiederholen. Wir schmücken sie mit subtilen Meinungsschattierungen aus, wenn wir Kontrolle auf Tonhöhe, Schallstärke und Dauer ausüben. Wir integrieren sie meisterlich mit Gestik und Mimik in das, was Linguisten “kompositionelle Äußerungen” nennen.

Mehr als nur Beiwerk
Lange Zeit wurde das alles als Parasprache ausgegrenzt, als nicht Eigentliches, sondern als etwas am Rande, das uns nur ablenkt von der Wahrheit und Schärfe einer idealisierten formalen Sprache. Bei den Betrachtungen des Philosophen Gottlieb Frege über Sprache stehen ästhetische Freude und Streben nach Wahrheit in direkter Opposition.

Sprache geht immer einher mit Gesten: Hier macht der Redner deutlich einen Punkt.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Aber diese geringschätzige Ansicht ist inzwischen überholt, weil es Linguisten mehr und mehr klar wird, dass das geschriebene Wort nur ein mangelhaftes Modell für unsere wirkliche kommunikative Kompetenz ist. Sprache entstand in einer viel reichhaltigeren Umgebung und sie hat schon immer mehr für uns getan, als nur entkörperlichte Information zu liefern.

Die Menschen benutzen Sprache, um soziale Beziehungen aufzubauen, um ihre Erfahrungen miteinander in Beziehung zu setzen und ihre Einstellungen auszudrücken. Sie informieren nicht nur, sie stellen dar. Dies erfordert eine erneute Untersuchung darüber, was Wörter leisten.

Malen beim Sprechen
Was sind Ideophone?

Will man eine neue Perspektive auf das Feld seiner Untersuchungen gewinnen, dann ist es oft am besten, radikal den eigenen Ausgangspunkt zu verändern. Sprachwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik tun das, indem sie neue Primärdaten über wenig bekannte Sprachen sammeln. In der Abteilung “Sprache und Kognition” betreiben Wissenschaftler Langzeit-Feldforschung an mehr als zwanzig Standorten überall auf der Welt.

Das Dümpeln auf den Wasser – lautmalerisch “tunjil-tunjil” im Koreanischen
© SXC

Im Laufe der letzten Jahre wurden mehrere detaillierte Untersuchungen zu Wörtern durchgeführt, die als Ideophone oder Lautbilder bekannt sind. Mit ihrer charakteristischen Lautmalerei, der Onomatopoesie, kommen diese Wörter dem “Malen beim Sprechen” am nächsten. Sie galten lange als exotische und ungewöhnliche Wörter, aber neue Untersuchungen haben gezeigt, dass sie in Unterhaltungen überall auf der Welt gegenwärtig sind und in unerwarteter Art und Weise gebraucht werden.

Es klingt wie es ist
Ideophone sind Wörter, deren Klang auf ihre Bedeutung hinweist. Bekannte Beispiele aus dem Englischen sind Wörter wie kerplop und boom, oder im Deutschen Wörter wie holterdipolter und ticktack. Aber während es in europäischen Sprachen in aller Regel nur wenige solcher Wörter gibt, die meistens auf die Imitation von Geräuschen beschränkt sind, gibt es viele andere Sprachen auf der Welt, die über Hunderte oder gar Tausende solcher Ideophone verfügen, die ein weit größeres Spektrum an sinnlichen Bedeutungen abdecken.

“Ticktack” und “ticken” – Lautbilder für das Geräusch der Uhr
© SXC

Beispiele dafür sind Wörter wie tunjil-tunjil – dümpeln, treiben, ulakpulak – unausgeglichene, schreckerregende Erscheinung und c’onc’on – dichtgewebt aus dem Koreanischen; oder dhdnoh – wie immerwährendes Nicken, praduk pradek – Geräusche vereinzelter kleiner Regentropfen und greep – knusprig klingend aus dem Semai, einer Sprache, die auf der Halbinsel Malaysia gesprochen wird. Aber auch mukumuku – murmelnde Mundbewegungen, fuefue für elastisch, flexibel und kpotoro-kpotoro für Gehen wie eine Schildkröte aus dem Siwu, einer Sprache, die im Osten Ghanas gesprochen wird, illustrieren das Prinzip.

Dargestellt statt einfach nur gesprochen
Bei der Analyse von auf Video aufgenommenen Unterhaltungen in solchen Sprachen sieht man, dass diese Wörter mit ihren eigentümlichen Formen und anschaulichen Bedeutungen nicht wie gewöhnliche Wörter gesprochen werden. Sie werden wie auf einer Bühne dargestellt. Sie machen Ereignisse auf eine Art und Weise lebendig, wie das gewöhnliche Wörter niemals tun.

Wenn man ihren Gebrauch beobachtet, dann bekommt man einen Eindruck davon, was Karl Bühler gemeint hat, als er schrieb: “Wenn unter den Sachverständigen eine Abstimmung stattfände darüber, wer reicher ausgestattet sei mit Malmitteln: der Farbmaler oder ein Stimmaler, so gäbe ich unbedenklich dem zweiten meine Stimme.”

Wie male ich mit Worten?
Die typischen Merkmale von Lautbildern

Wie können die Menschen mit der Sprache malen? Die Ideophon-Systeme in den Sprachen der Welt verfügen über drei Möglichkeiten, wie Sprechen genutzt wird, um sinnliche, sensorische Bilder darzustellen. Die erste Möglichkeit besteht darin, ein Geräusch mit einem Laut zu imitieren, wie im Englischen “boom” als Geräusch einer Explosion. Dieser Typ wird als direkte Ikonizität bezeichnet. Es ist die einfachste Möglichkeit, aber auch die am meisten beschränkte. Schließlich sind nicht alle Ereignisse mit Geräuschen verbunden.

“Bumm” – das Lautbild imitiert das Geräusch
© SXC

Lange Silben für lange Ereignisse
Was aber alle Ereignisse gemeinsam haben, ist eine interne zeitliche Struktur. Hier kommt nun die zweite Möglichkeit ins Spiel: Die Struktur der Wörter kann der Struktur der Ereignisse gleichen. Diese Wörter sind “gestalt-treu” in Hinsicht auf die Ereignisse, die sie repräsentieren. Deshalb wird dieser Typ Gestalt-Ikonizität genannt. Wörter können zum Beispiel verlängert werden, um Dauer auszudrücken, geschlossene Silben können das Ende von etwas darstellen und wiederholte Silben können Wiederholungen evozieren — wie in vielen der zuvor angeführten Beispiele.

Drittens und letztens werden manchmal ähnliche Wörter für ähnliche Ereignisse gebraucht. Betrachten wir einmal die folgenden drei Wörter aus dem Semai: greep ‘Früchte kauen’, graap ‘Knuspriges kauen’, griip ‘Cassava kauen’. Sie teilen sich die gemeinsame Matrize gr_p, die man als ‘knuspriges Geräusch’ charakterisieren kann. Weil ähnliche Wörter dabei auch auf ähnliche Ereignisse passen, wird dieser dritte Typ relative Ikonizität genannt.

Lautbild oder normales Wort?
Gemeinsam konstituieren diese drei Arten der Meinungs-Assoziationen den Malkasten des Wortmalers. Sie erlauben darstellenden Wörtern wie Ideophonen, wahrnehmbare Analogien zu Ereignissen zu bilden. Aber woher weiß man, ob eine bestimmte Sprecheinheit als Ideophon – als ein Lautbild – intendiert ist und nicht als ein gewöhnliches Wort?

Wiederholte Silben – wie hier das “fuefue” für elastisch – sind typisch für Lautbilder
© SXC

Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich hier Sprachen in bemerkenswerter Weise gleichen. So klingen Ideophone in allen Sprachen außergewöhnlich, weil sie besondere Freiheiten im Hinblick auf andere Wörter genießen. Sie verfügen über eine größere Bandbreite möglicher Silbenstrukturen und Wortformen und sie sind auf bemerkenswerte Art und Weise empfänglich für spielerische Wortbildungsprozesse, wie zum Beispiel die Wiederholung von Silben oder Dehnung.

In gesprochenen Äußerungen fallen sie zudem auf, weil sie ein großes Maß an syntaktischer Unabhängigkeit aufweisen – sie folgen der Grammatik weniger streng als andere Wörter. Oft werden sie zudem als eigene Intonationseinheit produziert – herausgehoben aus dem normalen Sprachfluss. Und schließlich werden sie in vielen Sprachen mit sogenannten Quotativmarkierungen, wie zum Beispiel mit “sagen” oder “tun”, Verben eingeführt. All diese Merkmale tragen dazu bei, Ideophone als Darstellungen zu markieren, vergleichbar einem Rahmen um ein Gemälde, der uns sagt, dass wir es als Gemälde und nicht als Tapete interpretieren müssen.

Mehr als nur stilistische Schnörkel
Wie werden Lautbilder eingesetzt?

Wissenschaftler am MPI für Psycholinguistik studieren Lautbilder im Rahmen von Feldforschungen in etlichen Sprachen der Welt. Um zu untersuchen, wie diese Wörter sensorische Wahrnehmungen kodieren, benutzen sie speziell entwickelte und gestaltete Materialien. Die Menschen sollen dann deren unterschiedliche Struktur oder Beschaffenheit in ihrer Sprache beschreiben – und oft werden dabei Lautbilder benutzt.

Die Forscher erstellen auch Video- und Audio-Aufnahmen von alltäglichen Gesprächen, um zu verstehen, wie Menschen diese Wörter in der Interaktion von Angesicht zu Angesicht gebrauchen – in der Situation also, in der Sprache entstanden ist und in der sie sich auch stets noch weiter entwickelt.

Durch Video-Aufnahmen fremder Sprachen analysieren die Wissenschaftler alltägliche Gespräche, in denen Lautmalereien vorkommen.
© MPI für Psycholinguistik / Dingemanse

Lautbilder als Zeichen von Eloquenz
Im Verlauf dieser Untersuchungen zeigte sich, dass Ideophone keinesfalls einfach nur stilistische Schnörkel und Floskeln sind, wie man ursprünglich dachte. Stattdessen sind sie gezielt sensorische Wörter. Sie werden benutzt, um Expertenwissen während gemeinsamer Arbeit zu kommunizieren und um Erfahrungen beim Erzählen von Geschichten zu teilen und zu interpretieren. In Sprachen, die über Tausende von Lautbildern verfügen, gilt ihr Gebrauch als Zeichen höchster Eloquenz.

Herausforderungen gewähren Möglichkeiten. Ideophone fordern uns dazu heraus, Theorien und Methoden zu erneuern, und bestärken uns darin, uns von einer Betrachtung der Sprache abzuwenden, die auf ideologischen oder akademischen Traditionen gründet, um so hin zu einer Perspektive auf Sprache zu gelangen, die sich auf so umfassende Daten wie möglich bezieht. Es sollte uns eigentlich nicht überraschen, dass im sprachlichen Leben Darstellung genauso wichtig ist wie Beschreibung.

Selbst unsere eigenen Forschungsergebnisse werden nicht nur mit abstrakten Worten mitgeteilt. Wir illustrieren sie mit Gesten, präsentieren sie auf Konferenzen und bilden sie ab mit Figuren und Diagrammen. Der Satz, ein Bild sage mehr als tausend Worte, scheint sich zu bewahrheiten. Aber was wir dabei möglicherweise übersehen haben, ist die Tatsache, dass unsere Wörter schon immer mit Bildern gewürzt waren.

(MPG Jahrbuch / Mark Dingemanse / Max-Planck-Institut für Psycholinguistik,28.06.2013)
Mark Dingemanse  home at MPI :  http://www.mpi.nl/people/dingemanse-mark/publications

Unwörter mit Abgrundhintergrund

Fraktur – Die Sprachglosse Unwörter mit Abgrundhintergrund

01.03.2013 ·  Anmerkungen eines vom deutschen Umerziehungswesen Erreichten zur neuesten Liste des Schreckens.

Von Berthold Kohler

Endlich wieder Zucht und Ordnung!
 
ravo, Nationale Armutskonferenz, bravissimo! Endlich scheinen wir den Verbündeten im Kampf gegen die Gleichschaltung unserer Sprache gefunden zu haben, nach dem wir so lange suchten. (Gleich eine Zwischenfrage an unsere neue Waffenschwester: Dürfen wir das historisch doch schon ziemlich kontaminierte G-Wort eigentlich noch benutzen? Vielleicht sollten wir es auch hier besser durch „Gleichstellung“ ersetzen.)

Toll, dass Sie mit uns den „Migrationshintergrund“ in den Sprachabgrund stürzen wollen! An diesem Beispiel sieht man nur zu genau, wohin es führt, wenn im Zeichen der sprachlichen Korrektheit so schlimme Wörter wie „Einwanderer“ oder gar „Ausländer“ bedenkenlos gegen vermeintlich harmlose Begriffe ausgetauscht werden. Sie schreiben, mit dem „Migrationshintergrund“ würden Klischees reproduziert, außerdem würde er der sehr unterschiedlichen Herkunft der damit belegten Personen nicht gerecht. Weil sie leider keinen Ersatz vorgeschlagen haben, haben wir es einmal versucht. Wie wäre es mit: Person internationaler („ausländischer“ geht auch hier gar nicht!) Abstammung aus einem noch näher zu bezeichnenden, in jedem Fall aber von der UN anerkannten Staat, der man keinesfalls unterstellen darf, dass sie  schlecht ausgebildet, kriminell oder gar „sozial schwach“ (Spitzenreiter Ihrer Unwort-Hitparade) ist.

Schuldvorwurf an die Nichterreichten

Ihr Verbesserungsvorschlag zu den „bildungsfernen Schichten“ (früher, horribile dictu, schlicht „Dumme“ genannt) leuchtet zwar ein, kommt uns offen gesagt aber immer noch leicht diskriminierend vor: „Vom Bildungswesen nicht Erreichte“ – da hört man den Schuldvorwurf an die Nichterreichten (ehemals kurzerhand als „Schulschwänzer“ gebrandmarkt) doch geradezu heraus. Besser wäre unserer Meinung nach: Personen, bei denen sich unser unterentwickeltes staatliches Bildungswesen, in das immer noch zu oft die unqualifizierten Eltern hineinpfuschen, nicht auch nur annähernd ausreichend darum bemüht hat, das vorhandene geistige Potential zur vollen Entfaltung zu bringen.

Vollkommen überzeugend dagegen Ihre Einwände gegen die „Flüchtlingsfrauen“ („Überflüssig, weil das Wort Flüchtlinge beide Geschlechter umfasst. Ansonsten: ähnlich diskriminierend wie Arztgattin“). Genau: Weibliche Formen nur bei positiver Konnotation. Also niemals: Sehr geehrte Verbrecher und Verbrecherinnen! Auch nicht: Liebe Spieler und Gespielinnen! Wie aber sollen wir dann die sogenannten Spielerfrauen nennen, die wir nicht nur ob dieser sprachlichen Stigmatisierung schon immer bedauert haben, sogar mehr noch als die armen Arztgattinnen?

Leider sind uns schreckliche Sachen aufgefallen

Derart von Ihnen zum kritischen Hinterfragen animiert, mussten wir uns natürlich auch Gedanken über den Titel Ihrer „Liste der sozialen Unwörter“ machen. Leider sind uns dabei schreckliche Sachen auf- und eingefallen. Wir wissen doch alle spätestens seit der fünften Klasse, wer die furchtbarsten „Listen“ der Welt geführt hat. Nein, nicht Schindler. Und den bestimmten Artikel „der“ hat er (nein, nicht Speer) bestimmt tausendfach benutzt. „Sozial“ war eindeutig Bestandteil eines unaussprechlichen Parteinamens. „Unwörter“ erinnert schließlich schon sehr an das „Wörterbuch des Unmenschen“, dieses Kompendium des sprachlichen Schreckens.

Und haben Sie eigentlich noch nie über Ihren Namen nachgedacht? Nationale Armutskonferenz. Also uns bedrängen da allerlei Assoziationen, eine unerträglicher als die andere. Sicher geht es auch vielen anderen vom deutschen Umerziehungswesen Erreichten so, befürchtet Ihr nun doch etwas an Ihrer Sensibilität für politisch-semantische Untiefen zweifelnder

Vom nationalen Umerziehungswesen Erreichte

Sprache – “hinaus” und “heraus” Wohin,nun?

http://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/fraktur-die-sprachglosse-nunter-naus-aus-12021818.html

 

FDP-Bundesparteitag Vor dem Nauswurf?

Fraktur – Die Sprachglosse Nunter! Naus! Aus!

FAZ 11.01.2013 ·  Demnächst könnten einige fliegen: Fußballtrainer, Parteivorsitzende, Kanzlerkandidaten. Die neue Unbarmherzigkeit braucht neue Vorsilben.

Von Karen Horn

eh aus, mein Herz, und suche Freud – so dichtete im 17. Jahrhundert der Theologe Paul Gerhardt. Damit hat er es sich, es handelt sich schließlich um ein geistliches Lied, ziemlich leicht gemacht. Das ewige Hin und Her, das womöglich schon damals die Menschen überforderte, umschiffte er glatt: Soll mein Herz nun hinaus gehen oder heraus? Das ist wie vieles eine Frage der Perspektive, genauer: der Verortung des Handelnden im Verhältnis zum „drinnen“ und zum „draußen“. Natürlich hatte der fromme Mann nichts anderes im Sinn, als uns die Schönheit der Schöpfung als Quelle der Zuversicht anzuempfehlen. Deshalb sollen wir das Herz vom eigenen engen Seeleninneren fort auf Reisen schicken, hinaus in die große, weite, herrliche Welt. „Hinaus“ ist die Antwort auf die Frage „wohin“: jemand strebt fort, irgendwohin, und zwar in ein fremdes, spannendes Draußen.

Der unbarmherzige Nauswurf

Doch manchmal meinen wir auch, unser Herz müsse nicht hinaus, sondern heraus gehen, um Freud zu suchen und erst einmal Sigmund zu finden. Sind wir nicht recht bei uns, sondern gefangen und bedrängt von Kümmernissen, dann müssen wir das Herz erst heimholen. Es muss ausbrechen aus seinen Nöten und zurück hierher finden, her zu uns. „Heraus“ impliziert ein „hierher“: Etwas bewegt sich von seinem uns fremden Drinnen her in unser vertrautes Draußen. Analoges gilt für die Wörtchen „hinunter“ und „herunter“: Wir laden ein Computerprogramm nicht etwa hinunter, sondern herunter, weil es aus der abstrakten Cyberwelt herkommen soll zu uns, die wir außerhalb dieser Sphäre stehen. Nur eingedenk dieser Konnotation der Nähe ist denn auch zu begreifen, dass oft zu hören ist, eine Regierung habe einen Minister, ein Fußballclub einen Trainer, ein Unternehmen einen Manager „herausgeworfen“. Denn dieser sieht sich dann per Kündigung gleichsam wie im Fluge herausbefördert aus dem uns fremden, unbegreiflichen und ohnehin nicht ganz geheueren Binnenraum des Kabinetts, des Clubs, des Konzerns – heraus und her zu uns, dem Rest der Welt, der offenbar nur auf ihn gewartet hat.

Eine solche klammheimliche Eingemeindung, die an dem ins reale Leben Herausgeworfenen damit sprachlich vollzogen wird, ohne dass dieser sich dagegen wehren kann, geht am Wesentlichen allerdings vorbei: dem Akt der Verstoßung an sich, dem aktiven Hinauswurf. Es handelt sich in einem solchen Fall bei Lichte besehen mitnichten bloß um einen harmlosen „Rauswurf“, wie mit umgangssprachlichem Buchstabenschwund geschlagene Zeitgenossen neuerdings ach so kess schreiben, sondern logisch korrekt und viel, viel schlimmer: um einen unbarmherzigen „Nauswurf“.

Warum sagt das denn keiner? Zusätzlich zu den längst anerkannten Vorsilben „runter“ und „raus“ wünschen wir uns mindestens noch „nunter“ und „naus“. Und aus.

Deutsch-English? Wissenschaftssprache

Algunas relfexiones sobre modernidad, utilidad de “linguas francas” o  “Fach-Chinesisch”:

Die Zeit Dez. 2012 :
http://www.zeit.de/wissen/2012-12/Wissenschaftssprache-Deutsch

Wissenschaftssprache Scientific community soll mehr Deutsch wagen

Englisch ist die Weltsprache der Wissenschaft. Kritiker sehen die deutsche Sprache bedroht und wollen sie um jeden Preis retten. Lohnt sich das? Von Amory Burchard

Deutsche Forscher können in der scientific community mitreden. Englisch, die lingua franca der globalisierten Wissenschaft, beherrschen die allermeisten so gut, dass sie ihre Vorträge bei internationalen Konferenzen problemlos in der Fremdsprache halten können. Viele schreiben auch ihre Aufsätze selbstverständlich auf Englisch. Denn gerade in den Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften würden ihre Publikationen ansonsten gar nicht zählen, nicht in weltweiten Rankings, aber vielfach auch nicht mehr im deutschen oder europäischen Wettbewerb um Rangplätze und Fördermittel.

Zu Recht sind Professorinnen und wissenschaftliche Mitarbeiter stolz auf ihr gutes Englisch, in dem sie auch fließend small talk mit Gästen aus aller Welt halten. Wer dagegen in der wissenschaftlichen Kommunikation auf dem Deutschen beharrt, steht im Verdacht, des Englischen nicht wirklich mächtig zu sein – und erscheint rückwärtsgewandt. Oder aber er verbindet eine sprachpolitische Botschaft damit.

Auf einer Zeichnung ist der Kopf eines Mannes zu sehen, dessen Mundwinkel nach unten zeigen. Um ihn herum steht viele Male das Wort

Tatsächlich sind aus der Wissenschaft immer dringlichere Aufrufe zu hören, Deutsch als Wissenschaftssprache zu retten. Ein Arbeitskreis dieses Namens verfasst seit Jahren Petitionen, macht Lobbyarbeit in Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen und Ministerien. Der Kern der Botschaft: Das Englische habe zwar große Bedeutung als internationale Verständigungssprache, doch dies dürfe nicht dazu führen, dass das Deutsche “auch im Inland aus dem Wissenschaftsbetrieb verdrängt und damit für die Vermittlung ganzer Wissensgebiete unbrauchbar wird”. Das Wissenschaftsenglisch, das von Nicht-Muttersprachlern gesprochen wird, geht den Vorkämpfern ohnehin gegen den Strich. Der Berliner Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant nennt es verächtlich “Globalesisch”.

Wird das Deutsche aus der Wissenschaft verdrängt?

Eines der zentralen Argumente ist ein sprachwissenschaftliches. Die Beschränkung auf Englisch als lingua franca bedeute eine kognitive Einschränkung. Konzepte sind an oft unübersetzbare Begriffe gebunden. Ein Beispiel aus der Kunstwissenschaft: Übersetzt man Gestaltung mit design, bedeutet das eine Verflachung.

Die Kampagne zeigt erste Erfolge. So haben sich der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die ebenfalls im wissenschaftlichen Austausch aktive Alexander-von-Humboldt-Stiftung ebenso wie die Hochschulrektorenkonferenz in jüngster Zeit verpflichtet, sich verstärkt für die Pflege des Deutschen einzusetzen.

Doch selbst auf nationalen Konferenzen werde weiterhin auch dann auf Englisch referiert und publiziert, wenn die Teilnehmer durchweg deutschsprachig sind, beklagen die Aktivisten. Und in internationalen Studiengängen und Graduiertenschulen der Unis gibt es die geforderten obligatorischen Deutschkurse noch nicht. Neuer Schwung soll von einer Initiative der Volkswagen-Stiftung ausgehen, Wissenschaftler und Politiker miteinander ins Gespräch zu bringen. Herausgekommen ist jetzt das Buch Deutsch in der Wissenschaft.

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“Der Zug ist abgefahren”

Bei der Buchvorstellung am Dienstagabend in Berlin warnte der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, die deutsche Wissenschaft vor der Selbstaufgabe: “Je weniger in der Wissenschaft Deutsch gesprochen wird, um so weniger wird die Gesellschaft über Wissenschaft sprechen.” Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hebt in seinem Beitrag zum Buch hervor, dass der Kontakt zwischen der Wissenschaft und dem Bürger durch die Anglisierung verloren geht. Denn die wissenschaftliche Elite in Deutschland hege “ein Verhältnis der Verachtung” für ihre Muttersprache.

Dies dürfte die Zoologin Brigitte Jockusch (TU Braunschweig) kaum gelten lassen. Schmerzlich spürt sie den Verlust der Kommunikationsfähigkeit, wenn deutsche Zellbiologen sich ausschließlich auf Englisch an der Fachdiskussion beteiligen können. In internationalen Publikationen würden deutsche Beiträge häufig nur deshalb abgelehnt, weil sie sprachlich nicht dem Standard entsprächen.

Jockusch beklagt auch das “bad english“, in dem deutsche Professoren in rein englischsprachigen Studiengängen in Deutschland lehren. Die Braunschweiger Zoologin beschreibt die Enttäuschung zweier Biologiestudentinnen aus China, die zu Hause zwei Jahre lang Deutsch gelernt hatten, es an der deutschen Uni aber kaum anwenden konnten. Unter den gegebenen finanziellen und zeitlichen Bedingungen für Studierende und Nachwuchswissenschaftler könne man aber nicht von allen verlangen, die Landessprache zu erlernen. Und für deutsche Lebenswissenschaftler wäre es aussichtslos und geradezu karriereschädigend, bei Konferenzen oder Publikationen zum Deutschen zurückzukehren. “Der Zug ist abgefahren”, schreibt Jockusch. Doch Restbestände sollten durchaus verteidigt werden. Forscher müssten sich etwa wehren, wenn Fachzeitschriften sogar das bloße Zitieren deutschsprachiger Aufsätze in auf Englisch verfassten Artikeln verbieten.

Deutsche Professoren sprechen oft schlecht Englisch

Sind also die Geisteswissenschaften die Domäne, in der Deutsch als Wissenschaftssprache wächst und gedeiht? Für die deutsche Kunstwissenschaft jedenfalls galt einst, was Erwin Panofsky noch im amerikanischen Exil sagte: “The mother language of art history is German.” Doch der Aderlass durch die Verfolgung jüdischer Wissenschaftler im Nationalsozialismus führte dazu, dass auch in dieser Disziplin Englisch allmählich die dominante Sprache wurde, wie Horst Bredekamp (Humboldt-Universität) erklärt. Gleichzeitig galt aber im Weltverband der Kunstgeschichte ab 1945 eine strikte Mehrsprachigkeit. Auf internationalen Kongressen sollten vier Sprachen ohne Dolmetscher verwendet werden – Englisch, Deutsch, Italienisch und Französisch; später wurde noch Spanisch ergänzt.

Doch seit gut zehn Jahren sei in seiner Zunft wie in weiten Teilen der Geisteswissenschaften wieder eine Verengung auf das Englische zu beobachten. Bredekamps Hoffnung: Durch die Monolingualisierung “provinzialisieren” sich die englischsprachigen Geisteswissenschaften. Eines Tages müssten sie wieder fremde Sprachen – auch Deutsch – lernen, um konkurrenzfähig zu werden.

Dass ihr Anliegen, Deutsch als Wissenschaftssprache zu forcieren, provinziell sein könnte, darauf kommen die Initiatoren gar nicht. Alle plädieren “für die Mehrsprachigkeit: für Deutsch als Wissenschaftssprache unter anderen Sprachen”, wie Goethe-Chef Lehmann sagt.

Erschienen im Tagesspiegel

Und hier ein Vortrag zum Thema:

Deutsch als Wissenschaftssprache  

Ein Vortrag von Jürgen Trabant

“Über abgefahrene Züge – das Deutsche und andere Sprachen der Wissenschaft” von Jürgen Trabant.

Link zur online Radio Emission 😉
http://wissen.dradio.de/linguistik-deutsch-als-wissenschaftssprache.88.de.html?dram:article_id=12528#

Sollen Wissenschaftler ausschließlich in Englisch reden? Oder noch mehr: Sollen junge Menschen in den weiterführenden Schulen der Bundesrepublik in bestimmten Fächern nur noch auf Englisch unterrichtet werden? Was viele Eltern so sehr schätzen, hat große Nachteile für unser Land. Zu diesem Schluss kommt unser heutiger Referent Jürgen Trabant, Professor for European Plurilingualism an der “Jacobs University” in Bremen.

Geboren wurde Trabant 1942 in Frankfurt am Main. Er hat Romanistik, Germanistik und Philosophie studiert und 1969 promoviert. Von 1980 bis 2008 lehrte er an der Freien Universität Berlin. Er befasst sich vor allem mit italienischer und französischer Sprachwissenschaft. Seine Stichwörter auch für den nun folgenden Vortrag sind Sprachpolitik, Semiotik, Sprachphilosophie, Geschichte des europäischen Sprachdenkens und die historische Anthropologie der Sprache.

Gehalten hat er seinen Vortrag am 21. Januar dieses Jahres in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

 

Glossar für Studenten Akademisch für Anfänger

Ob ECTS oder O-Woche: Dozenten, Medien und Langzeitstudenten bedienen sich gern gehobenen Uni-Sprechs. Unser Crashkurs mit Begriffen von A bis Z hilft verstehen.

online: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2012-10/Glossar-Uni-Einstieg

A wie Akademische Viertelstunde
A wie Alumni
A wie AStA
A wie Audimax
B wie BAföG
B wie Berufsqualifizierender Abschluss
B wie Bildungsfonds
B wie Blockveranstaltung
B wie Bologna-Reform
C wie Credit Points

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