Martin Schulz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“

Martin Schulz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ Was die Geschichte dieses Films uns lehrt

19.03.2013 ·  „Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“: Das ist der zentrale Satz des Films „Unsere Mütter, unsere Väter“. Europa hat daraus Lehren gezogen. Doch die Demokratie muss jeden Tag neu erkämpft werden.

Von Martin Schulz

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Irgendetwas am Hochzeitsfoto meiner Eltern ist anders. Auf dem Bild zu sehen sind meine Mutter und mein Vater, kurz nachdem sie sich das Jawort gegeben haben. Es sind zwei Menschen, die sich füreinander entschieden haben und die ihren Weg von nun an gemeinsam gehen wollen. Und doch irritiert das Foto den Betrachter.Im Laufe unseres Lebens haben wir alle viele Hochzeitsfotos gesehen. Auf diesen Fotos erblickt man in den Augen des Brautpaars das Leuchten der Verliebten, diese hoffnungsvolle Erwartung auf ein neues, auf ein besseres Leben. Deshalb berühren uns Hochzeitsfotos so stark, weil sie in die Zukunft weisen. Das Foto meiner Eltern ist eher gedämpft. Denn in ihren Augen sieht man Skepsis. Ihre Mienen wollen nicht recht zu dem festlichen Anlass und dem feierlichen Rahmen passen. Sie ganz in Weiß und er in Uniform. Der Grund hierfür: Meine Eltern haben am 30.April 1940 geheiratet, nur wenige Tage später, Anfang Mai 1940, wurde mein Vater eingezogen.

Er wurde Soldat im Zweiten Weltkrieg, inmitten dieses Weltenbrands. Inmitten dieses furchtbaren Krieges, mit dem die Deutschen die Welt überzogen und der mit Auschwitz den Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation markiert. Damit wurde mein Vater, wie fast alle Männer seiner Generation, ein kleines Rädchen in der Tötungsmaschinerie, mit der auch die Wehrmacht den barbarischen Rassenwahn der Nationalsozialisten umsetzte.

„Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“, sagt in dem Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Friedhelm zu seinem großen Bruder, ehe sie gemeinsam als Wehrmachtssoldaten in den Krieg ziehen. Dieser Satz ist der Kernsatz in diesem bedrückenden Film, der mich aufgewühlt, ja, der mich verstört hat. Er zeigt die Geschichte fünf junger Menschen, die alle das Beste wollen. Junge Menschen, die Ideale haben, die aber alle im und durch den Krieg verändert werden.

Da ist der smarte Kriegsheld Wilhelm, der so fest glaubt an ein altes, soldatisches Ideal, das es so nie gegeben hat. Er wird zum Mörder, als er, dem furchtbaren Kommissarsbefehl folgend, einen Kriegsgefangenen erschießt und wissentlich das schon damals gültige humanitäre Völkerrecht bricht. Wilhelm funktioniert, weil er Befehlen folgt. Er befolgt sie, obschon er weiß, dass sein Handeln falsch, ja verbrecherisch ist. Da ist sein jüngerer Bruder Friedhelm, ein sensibler Schöngeist, der in sein spärliches Marschgepäck noch Bücher einpackt, auf die er auch an der Front nicht verzichten will. Er versucht sich lange der Kriegslogik zu entziehen, aber auch er mutiert schließlich zur perfekten Tötungsmaschine.

Da ist die karriereorientierte Greta, die ein Star werden will und von den Bühnen in Wien und Paris träumt. Sie geht einen Pakt mit dem Teufel ein, beginnt eine Affäre mit einem SS-Sturmbannführer. Zunächst um ihren jüdischen Freund Viktor zu retten, aber immer mehr, um als Sängerin zu Ruhm zu kommen. Sie verschließt die Augen vor dem Offensichtlichen, weil sie das schöne Leben in einer Welt will, in der man das schöne Leben nicht mehr erreichen kann, ohne dass man selbst Schuld auf sich lädt. Da ist Charlotte, die sich vor Liebe für Wilhelm verzehrt, sich aber nicht traut, ihm ihre Gefühle zu offenbaren. Weil auch sie etwas beitragen will, meldet sie sich freiwillig zum Dienst als Frontschwester. In erschreckender Naivität betet sie dort die dumpfe Nazi-Propaganda nach, und in ihrem Bestreben, alles richtig zu machen, verrät sie eine jüdische Ärztin, die ihr eine Freundin hätte werden können.

Mit Ausnahme von Viktor – der sich dem bewaffneten polnischen Widerstand anschließt und der schon vorher gegen seinen Vater aufbegehrt, weil dieser viel zu lange glaubt, er würde von der Judenverfolgung verschont, weil er im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte – werden alle in diesem Freundeskreis auf fatale Weise in Schuld verstrickt.

Sie werden zu Tätern, weil sie Dinge tun, die man nicht tun hätte müssen. Nur deshalb konnten Schoa und Krieg geschehen, weil Hunderttausende so oder anders mitgemacht haben, ohne dass sie selbst zu den Architekten der Zerstörung gehörten. Für uns Nachgeborene bleibt immer die belastende Frage, wie wir uns in vergleichbaren Situationen verhalten hätten. Zugleich sind diese Täter aber auch Opfer, die um ihr Überleben kämpfen und dabei in immer ausweglosere Situationen geraten, weil ihnen die Entschlossenheit zum Aufbegehren gegen die Unmenschlichkeit fehlt – und in den meisten Fällen auch die Möglichkeit hierzu.

Das ist das Aufwühlende an dem Film. Denn die jungen Menschen sind so normal und manchmal schrecklich unbedarft. Sie sind uns so nah in ihren Hoffnungen und Wünschen nach Liebe, Anerkennung und einem guten Leben. Der Film nähert sich der Frage „Wie war es möglich?“, indem er die subjektive Perspektive der Protagonisten einnimmt. Und gibt vielleicht gerade dadurch eine Antwort, wie es kein Geschichtsbuch je könnte.

Auf unserem Kontinent wurden nach dem Krieg mit der europäischen Zusammenarbeit die richtigen Konsequenzen gezogen. Wir haben die Strukturen verändert, aber die Menschen sind die gleichen geblieben. Die europäische Einigung in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zieht die Lehre aus den Fehlern der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Nicht Versailler Vertrag, sondern Schuman-Plan lautet die Kurzformel dafür. Denn obschon wir Deutsche die Welt mit den abscheulichsten Verbrechen überzogen hatten, entschlossen sich unsere Nachbarn, uns eine weitere Chance zu geben, unser Land nicht auf die Knie zu zwingen, sondern uns die Hand zu reichen.

Wie verständlich erscheint rückblickend der Wunsch nach der Zerstörung Deutschlands, angesichts des Grauens der Jahre 1933 bis 1945. Ich erinnere mich gut, wie ich als Austauschschüler nach Frankreich kam und es dort noch erhebliche Ressentiments gegen Deutsche in den französischen Gastfamilien gab – aber nach ein paar Wochen trennten wir uns als Freunde und bildeten damit einen kleinen, aber immerhin einen Mosaikstein für das europäische Einigungswerk.

Jedoch, trotz aller Erfolge: Der Firnis der Zivilisation bleibt dünn. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die soziale Demokratie sind zivilisatorische Errungenschaften, die nicht zeitlos sind. In der Geschichte unseres Kontinents bilden sie eher die Ausnahme. In Westeuropa sind sie seit sechs Jahrzehnten verwirklicht – in Süd- und Osteuropa erst deutlich kürzer. Die Freiheit, die Demokratie, müssen jeden Tag aufs Neue erstritten werden.

Das geschieht nicht automatisch, ganz im Gegenteil, denn schon sind erste Risse in dem Firnis erkennbar: Das skandalöse Darstellen deutscher Politiker in NS-Uniformen in manchen ausländischen Boulevardzeitungen und auf den Plakaten zorniger Demonstranten, die auch gegen ein „Brüssel-Diktat“ anrennen; der arrogante Blick einiger in Deutschland auf die vermeintlich faulen Südländer, denen man „mal eine Lektion erteilen“ müsste, der verkennt, wie groß das Geschenk unserer Nachbarn war, als wir nach dem Zweiten Weltkrieg in die Völkerfamilie zurückkehren durften, und der übersieht, wie abhängig unser Land ökonomisch vom Miteinander in Europa ist; das Fordern einer „marktkonformen Demokratie“, die keine Parlamente und keine Bürgerbeteiligung mehr braucht, ja, sie als Standortnachteil abkanzelt; die Wiederentdeckung des „Anderen“, also die Renaissance des Trennenden, und nicht mehr die Suche nach dem Ausgleich – all das sind aktuelle Phänomene, die mir große Sorgen machen und die wir nicht unwidersprochen stehenlassen dürfen.

So ärgerlich vieles in Europa und an der europäischen Bürokratie ist, was dringend abgestellt werden muss: Dennoch bin ich dankbar, dass meine Generation ihren Kindern und Enkeln nicht mehr vom Krieg erzählen muss, so wie noch die Generation meiner Eltern. Deshalb kämpfe ich so vehement für das europäische Einigungswerk. Denn wenn wir die Strukturen zerstören, die die Dämonen von einst gebändigt haben, riskieren wir viel. Wir riskieren, zu Beginn des 21.Jahrhunderts die Fehler des frühen 20.Jahrhunderts zu wiederholen.

Martin Schulz (SPD), geboren 1955 im Landkreis Aachen, gelernter Buchhändler und ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Würselen, ist Präsident des Europäischen Parlaments. Als solcher hat er 2012 den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegengenommen. Im Rowohlt Verlag ist kürzlich sein Buch „Der gefesselte Riese. Europas letzte Chance“ erschienen.

Buchdeckel „Der gefesselte Riese“
rowohlt Rowohlt Berlin – 08.03.2013, 272 Seiten, 19,95
ISBN 978-3-87134-493-0

Noch nie war die Europäische Union so umstritten: Nach fünf Jahren Krise gilt sie vielen als Auslaufmodell, als Inbegriff ausufernder Bürokratie, als Wohlstandsgrab. Der Euro steht auf dem Spiel, deutsche Zeitungen lästern über die «Pleite-Griechen», während im Süden das Bild vom hässlichen Deutschen wiederauflebt. Erstmals besteht die reale Möglichkeit, dass das Projekt Europa scheitert. Aber welche Folgen hätte ein Ende des Euro oder gar der Union? Martin Schulz, der ebenso streitbare wie respektierte Präsident des Europaparlaments, zeichnet ein realistisches und daher umso beunruhigenderes Szenario: Der europäische Binnenmarkt könnte zerfallen, die Arbeitslosigkeit weiter steigen, Europas Staaten wären den USA oder Schwellenländern wie China hoffnungslos unterlegen, während von innen ein neuer Rechtspopulismus droht. Auf provokante Weise räumt Martin Schulz mit den Illusionen der Europaskeptiker auf – und plädiert für eine echte europäische Demokratie, ein starkes Europa, dessen soziale Gerechtigkeit weiterhin weltweit als Vorbild gelten kann. Nur wenn wir unsere Errungenschaften selbstbewusst verteidigen, können wir unseren Wohlstand sichern und unseren Kontinent vor der Bedeutungslosigkeit bewahren. Eine Streitschrift, die zugleich einen Ausweg aus der Krise weist.

http://www.rowohlt.de/buch/Martin_Schulz_Der_gefesselte_Riese.3025075.html