HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

http://www.zeit.de/studium/hochschule/2013-01/hochschulwatch-internetportal-wirtschaft

hochschulwatch

Welche Verbindungen gibt es zwischen Wirtschaft und Wissenschaft? Ein neues Internetportal will das herausfinden.

Eine neue Internetseite will Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft öffentlich machen. Auf Hochschulwatch.de sollen Professoren, Dozenten und Studenten über  Beispiele berichten, die ihnen fragwürdig erscheinen. Nutzer können eigene Texte schreiben und Dokumente hochladen.

Initiiert wurde die Seite von der Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland, dem Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (FZS) und der Tageszeitung taz. Die taz prüft Einträge, bevor sie öffentlich gemacht werden. “Wir haben die Sorge, dass (…) Wirtschaftsinteressen immer mehr Einfluss nehmen auf das, was an den Hochschulen im Bereich von Lehre und Forschung stattfindet”, sagte die Vorsitzende von Transparency International Deutschland, Edda Müller, bei der Vorstellung des Projekts.

Müller kritisiert, Kooperationsverträge zwischen Unternehmen und Universitäten müssten nicht veröffentlicht werden. Daher sei unklar, ob die Hochschulen den Unternehmen für ihr Geld Gegenleistungen einräumten. Sie befürchtet, Unternehmen könnten die Auswahl von Professoren oder die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen beeinflussen. “Der Zweck heiligt nicht die Mittel, Universitäten sind keine Werbeflächen”, sagt sie.

Studenten bemängeln zunehmende Zahl von Werbeflächen

Unternehmen entdeckten Hochschulen zunehmend als Markt, sagt auch Student Erik Marquardt, Vorstand des FZS. “Man kommt sozusagen gar nicht mehr zur Mensa, ohne auch mindestens ein Angebot für ein neues Sparkonto oder einen Handyvertrag zu bekommen.”

Als Beispiel für fragwürdigen Wirtschaftseinfluss nennt Hochschulwatch eine Stiftungsprofessur für Energiewirtschaft der Universität Köln, die von den Energiekonzernen EnBW, Vattenfall, RWE und E.on bezahlt werde. Die Hochschule reagiert gelassen auf den Start der Internetseite: “Wir finden gut, was Transparenz schafft. Auch wenn die Schlüsse des Portals andere sind als unsere”, sagte ein Sprecher Universität Köln auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Rechtliche Folgen befürchte die Universität nicht. Weiter erwähnt Hochschulwatch das Institut für Internet und Gesellschaft der Humboldt-Universität Berlin, das von Google mitfinanziert wird. Eine Sprecherin der Universität teilte mit: “Wissenschaftliche Kooperationsprojekte mit privaten Unternehmen und Verbänden unterliegen immer der Maßgabe des Präsidiums, damit die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre und die Autonomie der Universität gewahrt wird.”

Auf der Webseite sind über 400 Hochschulen aufgelistet. Das Projekt ist auf ein Jahr begrenzt. Transparency International Deutschland will die Hinweise im Anschluss auswerten.

Hinweis: Der Text wurde im Nachhinein um ein Statement der Humboldt-Universität Berlin ergänzt. Die Redaktion.

http://www.lobbycontrol.de/2013/01/hochschulwatch-neues-portal-will-fragwurdige-verbindungen-von-wirtschaft-und-wissenschaft-aufdecken/

LobbyControl Hochschulwatch:

Neues Portal will Verbindungen von

Wirtschaft und Wissenschaft aufdecken

Seit 2008 gibt es eine Kooperation zwischen der Universität Köln und dem Pharmakonzern Bayer. Wie diese Zusammenarbeit im Detail aussieht, ist jedoch unbekannt, da der Kooperationsvertrag geheim ist. Die Frage nach möglicher Einflussnahme durch Bayer kann somit nicht beantwortet werden. Eine Klage zur Offenlegung des Vertrags wurde Ende 2012 in erster Instanz abgelehnt. Der Kläger, der Verein Coordination gegen Bayer-Gefahren, hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt.

Kooperationsverträge wie diese sind bei weitem kein Einzelfall. Drittmittel aus der Privatwirtschaft haben in den letzten Jahren für Universitäten an Bedeutung gewonnen. Das neue Internetportal Hochschulwatch hat sich daher zum Ziel gesetzt, Beispiele für fragwürdige Einflussnahme an Universitäten und Fachhochschulen zu sammeln. So soll ein Nachschlagewerk über die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft entstehen. Für jede Hochschule gibt es einen Wiki-Eintrag. Die Leserinnen und Leser sind aufgefordert, ihr Wissen über Kooperationen dem Portal hinzuzufügen.

Das von Taz, dem freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS) und Transparency International (TI) gegründete Portal reagiert damit auf die zunehmende Ökonomisierung der Bildung. Besonders die Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen sind dabei sehr intransparent. Veröffentlichungspflichten gibt es nicht. Dabei haben Lobbyisten Schulen und Hochschulen längst als Handlungsfeld für ihre erweiterte Lobbyarbeit entdeckt. Forschung und Lehre werden zunehmend mit dem Ziel beeinflusst, möglichst tiefgreifend und somit nachhaltig einzelne Sichtweisen in der Gesellschaft zu verankern. Mehr Transparenz ist daher dringend nötig. Wir sind gespannt, was für Fälle fragwürdiger Einflussnahme Hochschulwatch in diesem Jahr ans Licht holen wird.

Weitere Informationen: www.hochschulwatch.de

transparency.de :
http://transparency.de/index.php?id=1434&tx_ttnews%5Btt_news%5D=12699&cHash=ca82d06143a0e7f128a2bdec89dcb966

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Soft-Token – Die Zukunft hat schon begonnen

Die Sprachglosse
Soft-Token – Die Zukunft hat schon begonnen

Soft and broken: Technisches Wissen ist und bleibt Macht.

Soft and broken: Technisches Wissen ist und bleibt Macht.

19.04.2013 ·  Seit der Quick-Response-Code, der Uniform Resource Locator und die Zwei-Faktor-Authentifizierung unser Leben erleichtern, wissen wir, dass H.G. Wells tatsächlich in die Zukunft blicken konnte: Die Aufspaltung der Menschheit in Eloi und Morlocks hat schon begonnen.

Von Berthold Kohler

http://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/fraktur-die-sprachglosse-soft-token-die-zukunft-hat-schon-begonnen-12154995.html

Wo das alles enden wird, hat H. G. Wells schon 1895 in seinem Roman „Die Zeitmaschine“ vorausgesagt: Die Menschheit wird sich aufspalten in nette und schöne, aber etwas dämliche Eloi und in nicht ganz so adrette Morlocks, die gelegentlich ein paar von den Blondchen verspeisen, dafür aber im Hirn behalten haben, wat ne Dampfmaschin is. Technisches Wissen ist auch in ferner Zukunft noch Macht, weswegen die Morlocks nicht säen und ernten, sondern nur mit der Sirene tuten müssen, damit die Eloi brav Kokosnuss und Blumenkranz zur Seite legen, um zum Abendessen zu kommen.

Bis zu solchen geordneten Verhältnissen haben wir natürlich noch einen langen Weg vor uns; nach Wells Berechnungen werden wir erst in gut 800.000 Jahren so weit sein. Doch die ersten Zeichen der Teilung der Völker in technisch intelligente Wesen und mindestens in dieser Hinsicht minderbemittelte sind schon jetzt zu erkennen. Nerds und Nicht-Nerds, die Urahnen von Morlocks und Eloi, sprechen bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts keine gemeinsame Sprache mehr.

Nehmen wir nur einmal folgende Mail aus einer freundlichen, kompetenten und wirklich userorientierten IT-Abteilung. In ihr heißt es: „Im Anhang erhalten Sie Ihr Soft-Token als Quick-Response Code für den externen Zugriff auf die AHP.“ Aha.

Als Angehöriger der Generation Soft-Eis klammert man sich in einem solchen Fall an den Begriff, den es schon in der untergegangenen analogen Welt gab, den Anhang. Doch erweist sich dieses Relikt aus der Zeit, in der Deutsche noch deutsch miteinander sprachen, erst recht als Tor zur Hölle des Technolekts.

Überschrieben ist der Anhang mit „Externe Anmeldung an der Application Hosting Platform über Zwei-Faktor-Authentifizierung“. Dahinter wartet auf digital zurückgebliebene Seelen ein „Uniform Resource Locator“ für den „Google Authenticator“, ein hübscher QR-Code, ein Citrix-Receiver zum Downloaden und der beruhigende Hinweis, dass das Token namens oath747xyungelöst oder so für den (nun kurz vor dem Schreikrampf stehenden) Benutzer „ausgerollt“ wurde.

Werden jedoch „zu viele OTPs ohne eine darauffolgende Anmeldung generiert, ist das Token nicht mehr synchronisiert. In diesem Fall ist eine Anmeldung nicht mehr möglich“.

Man möchte „Was du wolle?“ brüllen, auch wenn, es kann ja nicht jeder alles können, der Citrix-Receiver diesen Soziolekt vermutlich nicht versteht. Sollte der ganze Elektriktrick nicht unsere Arbeit, ach was, unser Leben leichter machen? Wir aber fühlen uns jetzt wie Catweazle, nachdem er aus dem 11. ins 20. Jahrhundert katapultiert worden war. Und der konnte immerhin Englisch.

Doch von Albion weht nicht nur Verzweiflung, sondern auch Trost herüber. H. G. Wells visionärer Roman endet damit, dass ein Mann aus der tiefsten Vergangenheit die Morlock-Maschinenunterwelt mit ihrer ganzen Weich- und Hartware in die Luft sprengt. Erst jetzt verstehen wir so richtig, warum wir das schon immer irgendwie gut fanden.

Ein Gespräch mit George Soros Das wichtigste Thema überhaupt

Ein Gespräch mit George Soros Das wichtigste Thema überhaupt

14.04.2013 ·  Der legendäre Investor, Philanthrop und mit Sicherheit reichste Philosoph der Welt, George Soros, spricht über die Krise Europas, Angela Merkel und sein Leben als Milliardär.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/europas-zukunft/ein-gespraech-mit-george-soros-das-wichtigste-thema-ueberhaupt-12147686.html

George Soros stellt Buch zur Finanzkrise vor

„Wenn ich die deutsche Öffentlichkeit wachrütteln könnte, dann wäre das der krönende Abschluss meines Lebenswerks“: George Soros

Sie haben diese Woche in Frankfurt in einer Rede dargelegt, wie der Euro zu retten sei. Ihre Analyse ist sehr klar: Entweder Deutschland lässt Eurobonds zu – oder es tritt aus der Eurozone aus. Wie sicher sind Sie, dass Sie recht haben?

Es ist Teil meiner Philosophie, dass ich mich irren könnte. Das gilt natürlich auch hier. Aber mit meiner Erfahrung im Finanzwesen und mit allem, was der Krise voranging und für sie verantwortlich war, bin ich mir meiner Meinung so sicher, wie ich nur sein kann.

Allerdings haben Sie in der Vergangenheit schon Voraussagen gemacht, die dann nicht eingetroffen sind.

Das ist mir vollkommen bewusst.

In Frankfurt wurde sofort heftig diskutiert: Eurobonds würden die Zinsen in Deutschland hochschnellen lassen, niemand könne garantieren, dass einzelne Länder nicht wieder betrügen würden und so weiter. Sie schienen über diese Einwände hoch erfreut.

Ich brenne regelrecht darauf, über diese Fragen eine Diskussion zu führen, denn ich finde, dass die deutsche Öffentlichkeit in Vorurteilen und Fehleinschätzungen gefangen ist. Ich kann verstehen, wie es dazu gekommen ist. Aber der einzige Weg, das zu korrigieren, ist, eine Diskussion anzuregen.

Der eigentliche Adressat Ihrer Rede war natürlich Angela Merkel, die allerdings nicht anwesend war. Haben Sie denn Anlass zu dem Glauben, etwas, das Sie sagen, könnte auf die deutsche Bundeskanzlerin Eindruck machen?

Nein. Und ich hatte, ehrlich gesagt, auch nicht das Gefühl, dass ich durch meinen Vortrag die Auffassung derjenigen verändert habe, die in den Kreisen um die Bundesbank das Sagen haben.

Und doch werden Sie weltweit von vielen als eine Art Orakel gesehen – was immer Sie sagen, verkaufen oder kaufen, erschüttert die Märkte. Mögen Sie diese Rolle eigentlich?

Nein. In der Tat hat sie mir unmöglich gemacht, weiterhin als Investor tätig zu sein. Deshalb habe ich mich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen, denn es ist zu kompliziert, Investor und Orakel zu sein. (Lacht nicht.) Mir selbst ist bewusst, dass ich mich irren kann, ich weiß sogar, dass ich mich von Zeit zu Zeit irren muss – aber die Leute, die auf mich hören, wissen das nicht. Oder denken das zumindest nicht mit. Und es ist auch schwierig, Interessenskonflikte zu vermeiden. Wenn ich innerhalb des Marktes noch eine Position hätte, wäre es schwierig für mich, über eine Situation zu sprechen, ohne miteinzukalkulieren, wie das die Märkte beeinflussen wird.

Wie sehr in Rente sind Sie eigentlich? Haben Sie nicht gerade erst mehr als die Hälfte Ihres Goldes verkauft und damit den Goldpreis zum Fallen gebracht?

Das war nicht ich. Ich habe ein Team, das so etwas managt. Es ist zwar mein Geld, aber die managen das.

Wenn ich also im Wirtschaftsteil lese, dass George Soros den japanischen Yen geschwächt hat, wie eben geschehen, oder den Wert des Goldes – das sind dann nie Sie? Sie sind einfach Rentner?

Im Fall des Yen, um absolut offen zu sein, habe ich Einfluss darauf genommen, was meine Firma unternimmt. Denn das betrifft eine sehr wichtige Entwicklung, die mit anderen Entwicklungen zu tun hat, und ich glaubte, da etwas verstanden zu haben, was andere nicht verstanden haben.

Aber mit dem sinkenden Goldpreis hatten Sie persönlich jetzt gar nichts zu tun.

Gut. In diesem anderen Fall war ich auch involviert. Aber das waren zwei Ausnahmen, normalerweise mische ich mich ins Tagesgeschäft sonst nicht ein.

Sie sind so eine interessante Figur – niemand scheint genau zu wissen, ob Sie eigentlich ein fieser Ultrakapitalist sind oder ein Wohltäter der Menschheit. Sie haben Milliarden mit Spekulationen und Wetten gegen Währungen gemacht – und: Sie haben Milliarden gespendet. Was sind Sie nun eigentlich – gut oder böse?

Ich glaube, in unterschiedlichen Phasen meines Lebens habe ich unterschiedliche Rollen gespielt. Als Marktteilnehmer war es meine Rolle, Geld zu machen. Ich wurde von Investoren angestellt, um für sie zu investieren. Nachdem ich dann viel Geld für andere und auch für mich selbst gemacht hatte, habe ich innerhalb meiner Entwicklung eine andere Stufe erreicht. Von da an konnte ich dann meiner eigentlichen Leidenschaft nachgehen: die Welt zu verbessern.

Und was macht mehr Spaß: eine Milliarde zu verdienen oder eine Milliarde zu verschenken?

Letzteres bedeutet mir sehr viel mehr. Für mich steht meine eigene voreingenommene und subjektive Vorstellung davon, was für die Welt gut ist, weit über allem, was dazu dient, Geld zu machen. Ich bin vielleicht nicht der Einzige auf der Welt, der das so macht, aber auf jeden Fall einer von sehr wenigen. Schauen Sie zum Beispiel, wie Bill Gates sich verändert hat. Als Chef von Microsoft war er ein beinharter Wettbewerbsteilnehmer, und er hat das tatsächlich etwas übertrieben stolz zur Schau gestellt. Und weil er so ein schlechtes Image hatte, hat man ihn dazu überredet, eine Stiftung zu gründen. Und heute kümmert er sich nur noch um seine Stiftung, und seine gesamte Weltsicht hat sich total verändert.

Ihr Vermögen wird auf mehr als 22 Milliarden Dollar geschätzt: Was bedeutet Ihnen Geld?

Freiheit. Es ist mir bewusst, dass Geld auch Macht bedeutet, das ignoriere ich nicht. Aber es erlaubt mir, meiner Leidenschaft nachzugehen, die aus zwei Teilen besteht: die Wirklichkeit zu verstehen – und dieses Verständnis dann aufzugeben, um die Wirklichkeit zu verbessern. Ich glaube, in seiner Jugend ist fast jeder Mensch von dem Wunsch beseelt, die Welt zum Guten zu verändern, aber ich habe das Privileg, diesem Wunsch nun wirklich nachzugehen.

Ihr Vater, ein Rechtsanwalt und Schriftsteller, war während des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Als er zurückkehrte, beschloss er, sein Leben zu ändern. Er wollte es möglichst genießen und nur noch so viel arbeiten, dass das Geld eben so reicht.

Für ihn war Geld so etwas wie Gepäck. Besser hat man leichtes.

Sie haben den entgegengesetzten Weg eingeschlagen.

Aber ich mache mir nichts aus Geld. Sonst würde ich es ja nicht weggeben. (Lacht, aber nett.)

Als Sie noch Investor waren: Was hat Sie angetrieben, wenn nicht Geld?

Zuerst bin ich aus reiner Notwendigkeit in die Welt des Geldes geraten. Denn wenn Sie gar kein Geld haben, ist Geld etwas, ohne dass es nicht geht. Ich hatte damals einen Plan. Heute klingt der ein bisschen lächerlich, aber damals war ich Student in London. Ich habe an der Börse angefangen und dann beschlossen, nach Amerika zu gehen, weil ich dachte, dass ich dort leichter etwas Geld machen könnte als in England. Das war natürlich, noch bevor London das Zentrum des Finanzmarktes wurde. Es war ein Fünf-Jahres-Plan: nach Amerika gehen, 100.000 Dollar machen – und das wäre genug Einkommen, um davon als Philosoph einigermaßen zu leben.

Und dann ging der schöne Plan so schief…

Ich habe etwas overperformed…Ich habe mehr als 100.000 Dollar gemacht, und irgendwie wurde ich in die Welt der Finanzen hineingezogen, denn die Finanzmärkte stellten sich als wundervolles Versuchslabor heraus, um meine philosophischen Ideen in der Praxis zu testen.

Im September 1992 haben Sie auf die Abwertung des britischen Pfunds gewettet. Sie haben damit eine Milliarde Dollar verdient und den Mythos der britischen Zentralbank ruiniert. Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals gefeiert haben?

Nein, denn das war gar nicht so außergewöhnlich. Es war einfach nur etwas größer und dramatischer als sonst, aber es war nichts anderes, als was ich damals eben gemacht habe. Ich weiß gerade nicht mal, ob 1992 insgesamt so ein besonders gutes Jahr war. (Lacht.)

Warum wetten Sie nicht gegen den Euro?

Zuerst mal: Was ich über die Europäische Union denke, die eines Tages auseinanderbricht, betrifft nicht die Währung, wie sie heute ist. Es wäre nicht zwingend eine gute Wette, sagen wir so. Und zweitens, ich wette ja nicht mehr.

Heute die Bank of England, morgen die ganze Welt: Hat es sich für Sie angefühlt wie ein Spiel? Wie Monopoly?

Es war ein Spiel. Ich habe es wie ein Spiel gespielt, genau so war es. Aber dann wurde es doch ziemlich ernst, denn ich ging ziemlich ernste Risiken ein. Einen Hedgefonds zu leiten, stellte sich als extrem anstrengend heraus. Das ging so weit, dass ich eines Tages glaubte, ich hätte einen Herzinfarkt. So angespannt war ich. Ich weiß noch genau, wo und wann das passiert ist. Ich dachte, das war es jetzt. Und ich dachte, wenn ich jetzt sterbe, hab’ ich das Spiel verloren. Und das hat mich letztlich dazu gebracht, eine Stiftung zu gründen. 1979 war das. Und das wiederum hat mir dann die Motivation geliefert, weiterzuspielen. Damals war ich nicht so reich. Ich hatte vielleicht 30 Millionen Dollar…

Na ja . . .

Das ist natürlich viel Geld. Jedenfalls war es genug für mich. Ich brauchte nicht mehr. Aber als ich dann die Stiftung hatte, ergab es Sinn, doch noch mehr zu verdienen. Und ich fand, dass es der Entwicklung meiner Philosophie half, im Markt aktiv zu sein. Das half mir, mich in meinen Gedanken nicht zu verzetteln. Es hielt mich in Kontakt mit der Realität.

Sie haben sich lange als verkannter Philosoph gefühlt. Einmal hielten Sie einen Vortrag mit dem Titel: „Ein gescheiterter Philosoph versucht es mal wieder“.

Ich habe lange geglaubt, dass meine Philosophie vielleicht eher ein persönliches Wertesystem war, das mich gut gelenkt hat – aber da sonst niemand darauf einging, hatte ich Zweifel, ob es tatsächlich einen Beitrag zum Verständnis auch von anderen leisten konnte. Seit der Finanzkrise von 2007/2008 habe ich etwas mehr Selbstvertrauen. Denn plötzlich änderten sich die Reaktionen, die ich bekam. Zum Beispiel sagte Mervyn King, der Gouverneur der Bank of England, im Jahr 2000, Soros ist ein netter Mann mit interessanten Ideen, aber seine Philosophie ist bedeutungslos. Nach 2008 gab er zu, dass er sich geirrt hatte. Er sagte, möglicherweise hätte ich doch recht. Er ist in meinem Ansehen sehr gestiegen. (Lacht.) Ich glaube, dass mein konzeptioneller Rahmen von Fehlbarkeit, Reflexivität und menschlichem Unbestimmtheitsprinzip tatsächlich etwas zu unserem Verständnis der Welt beitragen kann. Ich habe ein Buch geschrieben, das ein guter Beitrag sein könnte: „The Age of Fallibility“. Ich sollte es selbst mal wieder lesen, ich habe vergessen, was darin steht. (Lacht.)

Sie haben die deutsche Besatzung in Budapest mit falschen Papieren überlebt. Sie waren damals 14 Jahre alt – wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?

Für die meisten Menschen war diese Zeit eine unglaublich schreckliche Erfahrung, sehr viele wurden ermordet – aber für mich ist es eine positive Erinnerung, auch wenn mir bewusst ist, wie seltsam das klingt. Denn nicht nur haben wir als Familie überlebt, wir waren auch in der Lage, anderen zu helfen. Indem wir uns mit der harten Realität konfrontierten, konnten wir die Gefahren tatsächlich überwinden, und das war eine wichtige Lektion für mich: harte Realitäten immer direkt anzugehen. Genau das versuche ich auch in Hinblick auf die Eurokrise. Es gibt eine allgemeine Tendenz, sie herunterzuspielen, Entschuldigungen zu finden oder zu behaupten, wenn das Schlimmste erst mal geschafft sei, werde alles wieder gut. Ich dagegen neige dazu, einen negativen Ausgang überzubetonen – um mich darauf einzustellen, bereit zu sein. Und: einen positiven Ausgang zu finden. Ich denke Konflikte gerne bis zu ihrem logischen Schluss, während man üblicherweise lieber kurz davor haltmacht und nach einem Kompromiss sucht.

Halten Sie Angela Merkel für eine schlechte Politikerin?

Keineswegs. Sie ist eine große Führungspersönlichkeit, und von einem deutschen Standpunkt aus hat sie einen ausgezeichneten Job gemacht. Ich bin auch überzeugt davon, dass sie sich dem Euro und der Europäischen Union gegenüber aufrichtig verpflichtet fühlt. Aber sie führt Deutschland und Europa in die falsche Richtung. Sie hat nicht verstanden, dass der Euro die Europäische Union zerstören könnte. Und dass es wichtiger ist, die Europäische Union zu erhalten als den Euro.

Warum interessieren Sie sich so dafür, was mit Europa passiert? Sie könnten sich doch eigentlich bequem in Ihrem New Yorker Domizil zurücklehnen, weitere Milliarden für gute Zwecke spenden, und wenn Ihnen irgendwo auf der Welt etwas gegen den Strich geht, die Nachrichten ausschalten. Was treibt Sie an, da mitzumischen?

Wenn es mir möglich wäre, die deutsche Öffentlichkeit wachzurütteln, dann wäre das der krönende Abschluss meines Lebenswerks. Es würde alles andere, was ich erreicht habe, in den Schatten stellen. Ich habe zwar einen amerikanischen Pass, aber in meinem Herzen bin ich nach wie vor Europäer. Und es hängt jetzt allein an Deutschland, die Eurokrise zu lösen. Es ist eine schwere Krise in einem sehr wichtigen Teil der Welt. Die Europäische Union ist die Verkörperung einer offenen Gesellschaft, wie Popper es genannt hat, das ist etwas von großer Bedeutung, nicht nur für Europa sondern für die ganze Welt. Ich halte das zurzeit für das drängendste Thema überhaupt.

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Zum Sparen verdammt

Vermögensbildung Zum Sparen verdammt

13.04.2013 ·  Trotz hoher Einkommen hinken die Deutschen mit ihrer Vermögensbildung in Europa hinterher. Der Grund: Die Deutschen zahlen Miete, die anderen ihre Häuser ab. Das zwingt zum Sparen – und baut Vermögen auf.

Von Daniel Mohr und Christoph Schäfer

Kritik am Mietspiegel - Für unterschiedlich attraktive Quartiere in Bockenheim wird der gleiche Lagezuschlag erhoben. Sie werden in derselben teuren Innenstadtlage zusammengefasst.
Der beste Weg zu erfolgreichem Vermögen ist erfolgreiches Unternehmertum – dann ist auch eine Villa wie diese hier in Frankfurt drin
er Blick ins Schaufenster des Frankfurter Maklers bietet für jeden etwas: Gut Betuchte dürfen vom „repräsentativen Villenanwesen mit großzügigem Parkgrundstück“ für 1,8 Millionen Euro träumen. Andere könnte die „schicke Doppelhaushälfte“ für 400.000 Euro interessieren. Für den kleinen Geldbeutel gibt es „drei sonnige Zimmer“ für 115.000 Euro.Auch in der Realität erfüllen sich immer mehr Deutsche den Traum von den eigenen vier Wänden. Nach Angaben des Bundesbauministeriums wohnten in Deutschland vor 20 Jahren lediglich 38,7 Prozent aller Haushalte in der eigenen Immobilie. Die Europäische Zentralbank (EZB) kommt in ihrer diese Woche veröffentlichten Studie immerhin auf 44,2 Prozent. Im Vergleich mit den anderen Eurostaaten haben die Deutschen trotzdem den größten Nachholbedarf. Der EZB-Erhebung zufolge wohnen im Währungsraum im Durchschnitt sechs von zehn Bürgern im eigenen Heim. Spitzenreiter sind die Slowakei und Spanien, wo 90 beziehungsweise 83 Prozent der Haushalte ihr eigener Vermieter sind.

Stadtplanerin Melanie Kloth von der NRW-Bank begründet die hohe Mieterquote in Deutschland mit dem großen und qualitativ guten Angebot an Mietwohnungen hierzulande. Auch der hochentwickelte rechtliche Schutz der Mieter trage dazu bei. Zusätzlich bremsten die mit oft mehr als 10 Prozent im internationalen Vergleich sehr hohen Kaufnebenkosten für Makler, Notar und Grunderwerbssteuer den Drang ins eigene Heim. Nicht zuletzt verstärke der hohe und damit teure Baustandard in Deutschland die Tendenz, dass Eigentum wenn überhaupt „erst relativ spät im Leben“ erworben werde.

Die meisten Deutschen zahlen Miete

Die niedrige Eigentumsquote hierzulande wirkt sich spürbar auf das Volksvermögen aus. Die EZB-Studie weist für Deutschland ein Medianvermögen je Haushalt von 51.000 Euro aus. Dies bedeutet, die Hälfte der deutschen Haushalte besitzt nach Abzug der Schulden weniger als 51.000 Euro, die andere Hälfte mehr. In keinem anderen Euroland ist der Wert so niedrig. Im Euroraum-Durchschnitt liegt er bei 109.000 Euro. In Luxemburg beträgt er knapp 400.000 Euro, auf Zypern 267.000 Euro. Auch in Spanien (183.000 Euro), Italien (174.000 Euro) und Frankreich (116.000 Euro) liegen die Werte deutlich höher als in Deutschland. Auffallend ist ferner eine enorme Ungleichverteilung der Vermögen in Deutschland, die so ausgeprägt ist wie nirgends sonst in Europa. Nur in Österreich ist die Lage ähnlich, dem Land mit der zweitniedrigsten Immobilienbesitzerquote. Dabei gehören beide Länder nach den Einkommen der Bevölkerung zur Spitzengruppe in Europa. Mehr als die Deutschen verdienen im Euroraum nur die Menschen in Finnland und den Benelux-Staaten. Die wesentlich reicheren Spanier, Italiener und Franzosen verdienen deutlich weniger.

Der entscheidende Unterschied für die Vermögensbildung ist die Verwendung der Einkommen: die meisten Deutschen zahlen Miete, die anderen Europäer zahlen ihre Häuser ab und bauen so Vermögen auf. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Vermögensaufbau und Eigentumserwerb nicht zwangsläufig. Auch Mieter könnten zu vergleichbaren Vermögen kommen. In einer Studie zu „Mietwohnungsmarkt und Wohneigentum“ führt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus, dass Mieten und Selbstnutzung einer Immobilie gleich viel kosten. Die Preise für Immobilien und die Kaltmieten würden durch Angebot und Nachfrage bestimmt, „ sodass sich die Preise für beide Nutzungsformen ausgleichen“. Wenn der Vermieter ein Haus teurer kaufen muss, wird er auch mehr Miete verlangen.

Wohneigentümer haben ein höheres Nettoeinkommen

Der entscheidende Unterschied zwischen Mietern und Käufern ist jedoch, dass die Miete dem Konsum zuzurechnen ist, während der Käufer beim Abstottern seines Kredits jeden Monat ein wenig Vermögen bildet und irgendwann vollends Eigentümer der Immobilie ist. „In der Praxis zeigt sich ein fundamental anderes Sparverhalten“, sagt Jürgen Michael Schick, der in Berlin ein Maklerbüro betreibt und Vizepräsident des Immobilienverband Deutschland (IVD) ist. „Der Hausbesitzer zahlt jeden Monat seine Raten ab, ein Mieter hingegen kauft sich viel eher ein neues Auto und macht mehr Urlaub.“ Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft bestätigt dies: „Dass eine Immobilie zum Sparen erzieht, lässt sich nicht von der Hand weisen.“ Die Zeit, in der Geld für die Anfangsinvestition zurückgelegt wird, bezeichnet er als „Einüben des Sparens“. Sei das Haus dann gekauft, müssten die Raten bedient werden. „Selbst wer seine Immobilie fast abbezahlt hat, konsumiert mit Ende 50 nicht plötzlich wild drauf los“, sagt der Immobilienfachmann. Untersuchungen des IVD zeigten, dass die Sparquote der Hausbesitzer über den gesamten Zeitraum nahezu unverändert hoch bleibe.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes beträgt die Sparquote von Mietern nur 6,8 Prozent, von Wohneigentümern deren Tilgungsleistung in der Statistik zum Sparen gezählt wird, jedoch 12,9 Prozent. Neben der Disziplinierung durch den Immobilienerwerb dürfte für den Unterschied aber auch die unterschiedlich hohen Einkommen eine Rolle spielen. Das Haushaltsnettoeinkommen liegt bei Wohneigentümern im Durchschnitt doppelt so hoch.

Auch an anderer Stelle kann sich der Hauskauf positiv auf die Einkommens- und Vermögenssituation auswirken, behauptet Makler Schick: „Wer sein Geld auf dem Sparbuch hat, wird es im Zweifel auflösen, wenn die Tochter studiert. Am Häuschen aber wird festgehalten – auch wenn die Ehefrau dann mehr mitverdienen muss.“ Hochgerechnet auf eine ganze Nation kommen durch beide Effekte beachtliche Vermögen zusammen. Selbstverständlich sollte dennoch nicht jeder eine eigene Immobilie anstreben. „Wer zu wenig verdient, mobil sein muss oder stark schwankende Einkünfte hat, träumt besser nicht von den eigenen vier Wänden“, empfiehlt der Makler.

Immobilienfonds sind eine gute Alternative

Zudem sind Immobilien für den Vermögensaufbau nicht risikolos. Der Wert bestehender Wohnimmobilien in Deutschland ist seit dem Jahr 2000 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um gerade einmal 3 Prozent gestiegen, im Jahr 2012 gab es nach Angaben des Analysehauses Investment Property Databank (IPD) sogar einen Rückgang um 0,8 Prozent. Dabei wiesen einige Regionen hohe Preissteigerungen auf, andere seit Jahren Preisrückgänge. „Deutschland ist ein sehr heterogener Markt“, sagt Christian Jasperneite, Anlagestratege der Privatbank M.M.Warburg. „Für den finanziellen Erfolg ist es daher von entscheidender Bedeutung, wo ich kaufe oder baue.“ Jedes Objekt unterscheidet sich zudem nach Baujahr, Bausubstanz, Ausstattung und Zustand. Auch der Kaufpreis und die Kreditkonditionen können für gleichwertige Objekte spürbar unterschiedlich ausfallen.

Für den Vermögensaufbau rät Jasperneite seinen Kunden jedoch auch zu Immobilien. „Wer allerdings mit dem Erwerb an den Rand dessen geht, was finanziell zu verantworten ist, sollte wissen, dass dies das Gesamtrisiko für sein Vermögen erhöht.“ Zur Risikodiversifizierung seien offene Immobilienfonds oder auch geschlossene Immobilienfonds eine gute Alternative, da sich der Anleger dann nicht mit seinem gesamten Vermögen und einem Gutteil seines Einkommens auf nur ein einziges Objekt fokussiert und damit ein immenses Klumpenrisiko eingeht. „Gerade für den Vermögensaufbau über Generationen sind Immobilien jedoch von hoher Bedeutung“, sagt Jasperneite. Schließlich haben auch die Nachfahren noch etwas vom Vermögenswert der Immobilie. Immobilien sollten aber immer nur einen Teil des Vermögens ausmachen. „Niemand von uns weiß, wie die Welt in zehn oder 15 Jahren aussieht“, sagt Jasperneite. „Das Geld sollte daher auf verschiedene Anlageklassen verteilt werden.“ Selbst für sehr risikoscheue Anleger gehören dabei für Jasperneite wenigstens zehn Prozent Aktien in jedes Depot.

Der beste Weg zu Vermögen ist erfolgreiches Unternehmertum

Der Vermögensaufbau in Deutschland hapert nämlich nicht nur an der mangelnden Bereitschaft, sich dem Spardiktat der Immobilienfinanzierung zu unterwerfen, sondern auch an der Bereitschaft, sich über den Kauf von Aktien am Produktivkapital zu beteiligen. Die meisten Aktien der auf den Weltmärkten höchst erfolgreichen deutschen Unternehmen befinden sich in der Hand von Ausländern. An den Rekordgewinnen vieler Unternehmen partizipieren daher deutsche Anleger kaum. Der Blick des Fondsbranchenverbands BVI auf die Renditen von Fonds zeigt für fast alle denkbaren Zeiträume für Aktienfonds die höchsten Renditen. In der langfristigen Geldanlage über 30 Jahre – einem für die Vermögensbildung nicht untypischen Zeitraum – erbrachten Aktienfonds durchschnittlich im Jahr eine Rendite von 8,6 Prozent. Anleihefonds kamen auf 5 bis 6 Prozent, offene Immobilienfonds (die ihren Schwerpunkt klassischerweise auf Gewerbeimmobilien haben) auf rund 5 Prozent. Die Geldanlage in Aktien, Anleihen oder Immobilien ist dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto damit weit überlegen und wirft auch meist eine höhere Rendite ab als eine selbstgenutzte Immobilie.

Wer sich daher jenseits der Immobilienfinanzierung zum Sparen disziplinieren kann, wird durch Zinseszinseffekte auch mit kleineren Beiträgen nicht unerhebliche Vermögenswerte aufbauen können. Das weit verbreitete Vorurteil, dass Sparen nur etwas für Reiche sei, kann dabei leicht entkräftet werden. Wer sich zum Beispiel vor 30 Jahren dazu gezwungen hätte, jeden Monat umgerechnet 100 Euro in einem Aktiensparplan anzulegen, käme heute ohne Berücksichtigung steuerlicher Aspekte auf ein Vermögen von 159.000 Euro. Bei einem Anleihefonds wären es etwa 90.000 Euro und bei einem offenen Immobilienfonds immerhin noch 86.000 Euro. Selbst das Sparbuch mit einem unterstellten Durchschnittszins von 1 Prozent wiese ein Guthaben von mehr als 40.000 Euro auf. Renditen aus der Vergangenheit sind zwar keine Gewähr für die Zukunft, aber gerade im langfristigen Vergleich doch ein starkes Indiz.

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Gleichwohl scheuen die meisten Anleger hierzulande weiterhin den Aktienkauf. „Die Kunden kommen mit der Volatilität nicht klar“, sagt Jörg Rahn, Anlagestratege bei Marcard, Stein & Co, die vermögende Familien in ihren Anlageentscheidungen beraten. „Zwar schwanken auch die Preise von Immobilien, das ist für den Kunden aber nicht so sichtbar wie bei einer Aktie.“ Die meisten Anleger agierten deshalb zu konservativ. Er rät auch Kunden mit geringer Risikobereitschaft zu einem Engagement in Anleihen von Unternehmen guter Bonität und zum Kauf von Aktien von Unternehmen wie Nestlé, deren Geschäftsmodell sich über Jahrzehnte als solide erwiesen hat. Zu ihren hohen Vermögen sind Rahns Kunden, die in der Regel über zwei- oder dreistelligen Millionenbeträge verfügen, jedoch nur selten allein durch erfolgreiche Geldanlage gekommen. Der beste Weg, um zu wirklich großem Vermögen zu kommen, sei erfolgreiches Unternehmertum. Dann ist auch die Luxusvilla mit Park drin.

Quelle: F.A.Z.

Das Verhalten der Anderen

F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman

Das Verhalten der Anderen

02.01.2013 ·  Wir neigen dazu, das eigene schlechte Benehmen und das anderer Menschen mit zweierlei Maß zu messen. Für uns selbst haben wir schnell Ausreden übrig, für diejenigen, die uns lästig fallen, nicht.

Von Emanuel Derman

ein Festnetztelefon in New York schellt ständig, obwohl ich auf der No-Call-Liste stehe. Manchmal sind es die „Daily News“, die mir ein Abonnement verkaufen wollen. Dann wieder ist es ein Energieunternehmen, das mich bewegen will, den Anbieter zu wechseln, mir aber nicht sagen mag, was mich das tatsächlich kosten wird. Und alle paar Tage ist es derselbe Anrufautomat, der mich mit „Ahoi, hier spricht Ihr Kapitän“ begrüßt und mich überreden möchte, die „Eins“ zu drücken, um eine unglaubwürdig kostenlose Kreuzfahrt zu den Bahamas zu gewinnen und letztlich auf ein Time-Sharing-Angebot einzugehen.Wenn es mir gelegentlich zu viel wird und irgendwo am anderen Ende ein menschliches Wesen sein sollte, gebe ich kindisch falsche Namen an (Augustus Pinochet, Dolf Eichmann, Eddi Amin sind nicht gerade originell) und Unmengen falscher Daten, um ihre und meine Zeit zu verschwenden und zu verhindern, dass sie Geld verdienen. Andere Anrufer beschimpfe ich mit unflätigen Ausdrücken und lege auf. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich grob zu Telefonverkäufern bin, denn das Wesen ihres Jobs ist es, mich zu belästigen.

Nur Bauern in diesem Spiel

Bei Uniqlo auf der Fifth Avenue kaufe ich mir eine Weste. Ich warte darauf, dass eine der Kassiererinnen mich aufruft. Als ich die Spitze der Schlange erreiche, gibt sie mir ein Zeichen und ruft: „Was kann ich für unseren nächsten Gast tun?“ Ich erkläre ihr, dass ich kein Gast bin, sondern ein Kunde. „Möchten Sie etwas für eine Hurrikan-Sandy-Stiftung spenden?“ erwidert sie. „Ganz sicher nicht“, sage ich, „und Sie sollten Gäste nicht um Geld bitten.“ Im Duane Reade Drugstore gegenüber kaufe ich Zahnpasta. Die Frau an der Kasse sagt zu mir: „Möchten Sie etwas für den Kampf gegen Brustkrebs/Aids/Verstopfung spenden?“ „Nein“, sage ich. Zu ihr bin ich höflich, weil es das Wesen ihres Jobs ist, mich nicht zu belästigen, sondern mein Geld zu nehmen. „Ich weiß, Sie müssen mir das sagen, weil Sie sonst ihren Job verlieren, aber es ist schon ärgerlich.“

Centerpoint Energy in Houston bucht seit sechs Monaten automatisch Geld von meinem Bankkonto ab, obwohl ich dort nicht Kunde bin. Sie wollen ihren Irrtum korrigieren, wenn ich ihnen meine Kundennummer nenne, die ich natürlich nicht habe, weil ich kein Kunde bin. Meine Bank weigert sich, die automatische Abbuchung von meinem Konto zu stoppen. Es ist mir unmöglich, bei Centerpoint ein menschliches Wesen zu erreichen. Ich fülle ein Beschwerdeformular auf ihrer Website aus und erhalte ein paar Tage später eine E-Mail, die mit den Worten beginnt: „Da wir Sie als Kunden schätzen, möchten wir, dass Sie nur die besten Erfahrungen mit Centerpoint Energy machen.“ Wenn ein Unternehmen Sie erst einmal am Wickel hat, lässt es sie nie mehr los.

Eine idealistisch gesinnte junge Verwandte tadelt mich für meine unflätigen Ausdrücke gegenüber Telefonverkäufern. „Sie versuchen nur, ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. „Sie zu beschimpfen ist nicht hilfreich, weder für sie noch für dich.“ Ich finde es aber doch hilfreich. Ich muss mich irgendwie gegen solche Angriffe wehren. Die Leute, die mich anrufen, sind nur Bauern in diesem Spiel, aber der König ist für mich unerreichbar.

Aus jeder Korrektur wird der nächste Fehler

Das alles sind exogene Belästigungen, aber meine junge Verwandte hat recht. Sie gehen mir auf die Nerven wegen meiner endogenen Reizbarkeit. Endogene Merkmale können Sie auch in Schwierigkeiten bringen, wenn niemand etwas von Ihnen will.

Sie vertrauen Ihre Probleme einem Freund an. Ein paar Tage später beginnt er ungebeten darüber zu reden, vielleicht sogar vor anderen Freunden. Es ist Ihnen peinlich, solcherart belästigt und bemitleidet zu werden, aber Sie haben diese Situation selbst herbeigeführt, weil Sie Ihren Mund nicht halten konnten. Sie hassen sich selbst. Jemand heftet sich Ihre Arbeit ans eigene Revers. Sie wissen nicht recht, ob Sie das ignorieren oder ihn zur Rede stellen sollen. Ihn zur Rede stellen hieße zugeben, dass der Angriff Ihnen etwas ausmacht – ein Zeichen von Schwäche. Ihn zu ignorieren hieße, dass es Ihnen nichts ausmacht. Aber es macht Ihnen etwas aus.

Sie können Gewalt mit Gewalt und Zorn mit Zorn vergelten und es dann bedauern oder auch die andere Wange hinhalten und es gleichfalls bedauern. So wird aus jeder Korrektur der nächste Fehler. Oder, wie T. S. Eliot einmal gesagt hat: „Eine Minute reicht aus für Entscheidungen und deren Revision, die eine weitere Minute ihrerseits revidieren wird.“

Auch ich bin nicht frei von Widersprüchen

Als ich jung war und keine Zweifel hatte, dass die Zukunft in meinem Sinne verlaufen werde, ignorierte ich gelegentliche Abfuhren und stellte mir vor, ich stünde über allem. Als ich älter wurde und eine Ahnung davon erhielt, was die Zeit mit unseren Hoffnungen anzustellen vermag, gingen mir vereinzelte verletzende Bemerkungen stärker nach.

Aber auch ich bin nicht frei von Widersprüchen. Über die Jahre ist mir zunehmend bewusst geworden, dass ich das (schlechte) Benehmen anderer Leute und mein eigenes mit zweierlei Maß messe. Ich neige dazu, andere Menschen so zu behandeln, als wären sie für ihr Tun verantwortlich. Wenn sie etwas tun, das mich verletzt oder mir schadet, halte ich sie für Akteure, die aus freiem Willen handeln und auch anders hätten handeln können.

Wenn ich dagegen „gezwungen“ bin, einem anderen Menschen etwas Verletzendes zu sagen oder anzutun, habe ich oft das Gefühl, ich befände mich in den Fängen unbeherrschbarer Gezeitenkräfte, die mich Dinge tun lassen, von denen ich wünschte, ich hätte sie nicht getan.

Wenn ich andere Menschen von außen betrachte, halte ich sie für verantwortlich. Wenn ich mich selbst von innen betrachte, fallen mir stets mildernde Umstände für mein Verhalten ein. Ihr störrischer Schopenhauerscher Wille ist die Triebkraft ihres unverzeihlichen Tuns, aber ich – ich habe meine Gründe und Erklärungen.

Ein Buch über Liebe

Ich versuche immer noch herauszufinden, wie ich mit den kleineren Zumutungen des Lebens umgehen soll. Gelegentlich erlauben mir die Extreme der Literatur oder des Films einen flüchtigen Blick darauf, was ich mit solchen Widersprüchen anfangen könnte.

Nehmen Sie Nabokovs „Lolita“. Humbert Humbert ist nach eigenem Bekunden ein niederträchtiger Mensch, der sich nach dem Körper und der Seele dieser bezaubernden Nymphe verzehrt und unverzeihliche Taten begeht, um sein unbeherrschbares Verlangen zu stillen. Einige Jahre nachdem sie ihm entkommen ist, spürt er sie auf und muss feststellen, dass sie keine Nymphe mehr ist, sondern eine dickliche schwangere Frau, die das Kind eines schlichten, fast schon dümmlichen und glanzlosen Mannes trägt.

„Aber als ich sie drei Jahre später wiederfand“, berichtet Humbert, „war sie ganz offensichtlich und gewaltig schwanger, hatte erwachsene, schmale Hände mit dicken Adern, weiße Gänsehautarme, flache Ohren und unrasierte Achselhöhlen. Hoffnungslos verbraucht mit siebzehn, mit diesem Baby…; und ich konnte mich nicht satt sehen an ihr, und so genau, wie ich wusste, dass ich sterben müsse, wusste ich auch, dass ich sie mehr liebte als alles, was ich auf Erden je gesehen oder vorgestellt oder mir irgendwo erhofft hatte.“

„Lolita“ sei wirklich ein Buch über Liebe, sagt Lionel Trilling auf dem hinteren Umschlag der alten Taschenbuchausgabe, die ich besitze. Das stimmt. Und diese beiden miteinander gänzlich unvereinbaren Dinge – Humberts Perversion, von der er weiß, dass sie falsch ist, und sein Unvermögen, davon zu lassen – verändern sich ein wenig durch eine echte Liebe – wovon Lolita allerdings nichts hat.

Jeder Mensch verdient Mitleid und Verständnis

Eine sehr viel leichter zu akzeptierende Veränderung findet sich in Florian Henckel von Donnersmarcks Spielfilm „Das Leben der Anderen“, in dem ein anfangs abstoßender Stasi-Abhöragent nach und nach menschlicher wird und sich am Ende des Films in eine geläuterte und äußerst sympathische Figur verwandelt.

Außerhalb der Fiktion ist es nicht so einfach, über die Vernunft hinauszugehen und solche Dualität zu akzeptieren. Es fällt schwer, stets daran zu denken, dass jeder Mensch Mitleid und Verständnis verdient – vielleicht sogar Anrufautomaten.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

Mehr Modelle, die sich schlecht benhemen :
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/

Gerd Gigerenzer „Risiko“, ein Vorabdruck (1) F.A.Z.

Gerd Gigerenzer: „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“. C. Bertelsmann Verlag, 400 S., gebunden, 19,99 €, erscheint am 18. März.

„Risiko“, ein Vorabdruck (2) Wir sind alle blöd wie Einstein

14.03.2013 ·  Wir leben in einer Gesellschaft, die das Risiko scheut. Doch das verhindert Innovation. Ein Plädoyer für eine Kultur, in der man sich zu seinen Fehlern bekennen darf, um aus ihnen zu lernen.

Von Gerd Gigerenzer

Albert Einstein
Auch die klügsten Köpfe lassen sich gelegentlich austricksen. Max Wertheimer führte Albert Einstein mit einer Knobelei hinters Licht.
Die Risikoscheu ist eng mit der Angst vor Fehlern verknüpft. Wenn Sie im mittleren Management eines Unternehmens beschäftigt sind, kreist ihr Leben vermutlich um die Angst, etwas falsch zu machen und dafür gerügt zu werden. Ein solches Klima ist nicht innovationsfreundlich, denn Originalität setzt voraus, dass man auf dem Weg dorthin Risiken eingeht und Fehler macht. Keine Risiken, keine Fehler, keine Innovation!Risikoscheu wird schon in der Schule gefördert, wo man den Kindern abgewöhnt, eigene Lösungen für mathematische Probleme zu finden und dabei möglicherweise Fehler zu machen. Stattdessen teilt man ihnen die Antwort mit und überprüft, ob sie sich die Formel einprägen und sie anwenden können. Es geht nur darum, dass sie für den Test lernen und möglichst wenige Fehler machen. So zieht man keine großen Denker heran.Ich verwende den Begriff „Fehlerkultur“ für eine Kultur, in der man sich offen zu Fehlern bekennen kann, um aus ihnen zu lernen und sie in Zukunft zu vermeiden. Beispielsweise ist einer der großen Vorzüge der amerikanischen Kultur ihr Hang zu „Versuch und Irrtum“, mit geringer Scheu vor dem Misslingen. Zur Beruhigung von Lesern mit ausgeprägter Angst vor Fehlern folgt hier eine Geschichte, die zeigt, dass sich auch die klügsten Köpfe austricksen lassen.

Weitere Artikel

Albert Einstein (1879-1955) und Max Wertheimer (1880-1943) waren eng befreundet seit ihrer gemeinsamen Zeit in Berlin, wo Einstein Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, dem späteren Max-Planck-Institut für Physik, und Wertheimer einer der Begründer der Gestaltpsychologie war. Beide flohen Anfang der 30er Jahre vor den Nazis und gingen ins amerikanische Exil, Einstein nach Princeton und Wertheimer nach New York. Sie pflegten ihre Freundschaft durch einen Briefwechsel, in dem Wertheimer seinen Freund mit kleinen Denksportaufgaben unterhielt.

Wertheimer nutzte seine Kenntnisse über Denkgesetze, als er versuchte, Einstein mit der folgenden Knobelei hinters Licht zu führen: „Ein altes klappriges Auto soll einen Weg von 2 Meilen fahren, einen Hügel hinauf und hinunter. Die erste Meile – den Anstieg – kann’s, weil’s so alt ist, nicht rascher fahren als mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Meilen pro Stunde. Frage: Wie rasch muss es die zweite Meile laufen – beim Herunterfahren kann’s natürlich rascher vorwärtskommen -, um eine Gesamtgeschwindigkeit (für den Gesamtweg) von 30 Meilen pro Stunde zu erzielen?“

Wertheimers Aufgabe legt den Gedanken nahe, dass die Antwort 45 oder 60 Meilen pro Stunde sei. Aber es existiert keine derartige Antwort. Selbst wenn die alte Klapperkiste wie eine Rakete den Berg hinunterschießen wurde, käme sie nicht auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Meilen pro Stunde. Wenn Sie es nicht sofort herausgefunden haben, lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen: Einstein schaffte es auch nicht. Er gestand, dass er seinem Freund bei dieser Knobelaufgabe auf den Leim gegangen war: „Erst durch Rechnung merkte ich, dass für den Herunterweg keine Zeit mehr verfügbar bleibt! Solche Witzchen zeigen einem, wie blöd man ist!“

Gestaltpsychologen lösen Probleme, indem sie die Frage so lange umformulieren, bis die Antwort klar wird. Und das geht so: Wie lange braucht das alte Auto, um oben auf dem Hügel anzukommen? Die Straße nach oben ist eine Meile lang. Der Wagen fährt mit 15 Meilen pro Stunde, also braucht er vier Minuten (1 Stunde geteilt durch 15), um die Spitze zu erreichen. Wie lange braucht der Wagen den Hügel rauf und runter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Meilen pro Stunde? Die Straße rauf und runter ist zwei Meilen lang. Dreißig Meilen pro Stunde entspricht zwei Meilen in vier Minuten. Folglich musste das Auto die ganze Strecke in vier Minuten zurücklegen. Doch diese vier Minuten sind bereits für den Weg den Hügel hinauf aufgebraucht.

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„Risiko“, ein Vorabdruck (3) Nächste Ausfahrt Liebesglück

15.03.2013 ·  Was für ein Risiko: Sich auf einen Partner festzulegen, obwohl man all die anderen potentiellen Kandidaten da draußen nicht einmal kennt. Abhilfe verspricht die 37-Prozent-Regel.

Von Gerd Gigerenzer

Ehescheidung - meist von der Frau eingereicht
In jungen Jahren schlug Benjamin Franklin für die Wahl einer Geliebten eine Faustregel vor, die er als „paradox“ bezeichnete: Bei Liebesaffären sollte man sich lieber an ältere als an jüngere Frauen halten. Um Gründe zur Rechtfertigung war Franklin nicht verlegen: Ältere Frauen seien erfahrener und verschwiegener, ihre Gespräche seien erbaulicher, man brauche keine Schwangerschaften zu befürchten, und nicht zuletzt könne man mit Dankbarkeit rechnen.Franklins Bilanzmethode setzt voraus, dass alle Kandidaten bekannt sind. Von geschlossenen, kleinen Gemeinschaften abgesehen, ist das selten der Fall; normalerweise finden neue Begegnungen in zeitlicher Abfolge statt. Aus diesem Grund können wir unmöglich wissen, wer uns noch über den Weg läuft, nachdem wir uns für einen Partner entschieden haben. Doch wenn wir ewig warten, verprellen wir vielleicht andere, die jemand anderen heiraten, bevor wir sie erneut in Betracht ziehen können.So stellt sich die Frage, wann man einen Antrag machen soll. Die klassische Version dieser Frage ist das sogenannte Mitgiftproblem: Sultan Saladin sucht nach einem Weisen als Berater. Um einen Kandidaten zu testen, verspricht der Sultan ihm die Frau mit der größten Mitgift in seinem Sultanat zur Frau, vorausgesetzt, er kann sie in einer Gruppe von 100 schönen Frauen herausfinden.

Die Qual der Wahl

Wenn nicht, wird er den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen. Nacheinander betreten die Frauen den Raum, in zufälliger Reihenfolge. Der Weise fragt die erste nach ihrer Mitgift und muss augenblicklich entscheiden, ob er sie wählt oder nicht. Wenn nicht, betritt die nächste Frau den Raum, und so fort, bis er eine wählt. Der Weise kennt die Größenordnung der Mitgiften nicht und kann nicht auf eine Frau zurückkommen, die er bereits abgelehnt hat.

Welche Strategie verspricht die beste Aussicht, die Frau mit der größten Mitgift auszuwählen? Man möchte den Weisen bedauern, weil all seine Hoffnungen auf Ruhm und Reichtum vergebens sind. Schließlich scheinen doch die Chancen, die Beste auszuwählen, nur 1:100 zu stehen. Doch wenn er intelligent ist, kann er mit der folgenden Strategie weitaus besser fahren: 37-Prozent-Regel: Lass die ersten 37 Frauen passieren und merke dir die bis dahin höchste Mitgift. Dann wähle die erste Frau, die eine noch höhere Mitgift hat. Diese Regel erhöht die Gewinnchance von 1:100 auf rund 1:3. Das ist keine Gewissheit, aber der Weise hat nun doch bessere Aussichten, eine Frau und eine Stellung zu bekommen.

Die 37-Prozent-Regel ist mathematisch elegant, weil die Zahl der Optionen, die man passieren lässt, gleich N/e ist, wobei N die Zahl der Alternativen (in unserem Beispiel 100) und e (~ 2,718) die Basis des natürlichen Logarithmensystems ist. Als man jedoch in Versuchen das Mitgiftproblem (auch als Sekretärinnenproblem oder Heiratsproblem bezeichnet) lösen ließ, trafen die meisten Teilnehmer ihre Wahl, lange bevor Kandidatin 37 erschien.

Ungewissheit hilft

Ist daraus zu schließen, dass die Menschen ungeduldig sind und ihren Ehepartner zu früh wählen? Ich glaube nicht. Unser Denken wird von der Partnerwahl in der Wirklichkeit geprägt, die sich in wichtigen Punkten vom Mitgiftproblem unterscheidet. Wir können nicht jede Person einfach nach ihrem „Partnerwert“ fragen; der „Wert“ ist durch hohe Ungewissheit geprägt – wie hoch, finden Sie unter Umständen erst Jahre später heraus. Die einen suchen nach charakterlichen Vorzügen wie Intelligenz und Humor, die anderen nach körperlichen wie der Kiefergröße beim Mann oder dem Taille-Hüfte-Verhältnis bei der Frau. Letztlich beruht der Erfolg einer Beziehung jedoch auf dem Verhalten beider Partner. Wie vollkommen Ihr Partner ist, hängt davon ab, wie vollkommen Sie sind. Statt also vom perfekten Partner zu träumen, sollten Sie vielleicht nach jemandem suchen, der „gut genug“ für Sie ist, und diesen Menschen auch wertschätzen. Wenn wir das Mitgiftproblem auf eine ungewisse Welt anwenden, geschieht etwas Interessantes. Ungewissheit hilft. Es ist nicht mehr erforderlich 37 Prozent aller Partner zu prüfen. Weit weniger genügen, rund 10 Prozent, während das Befolgen der „optimalen“ 37-Prozent-Regel zu schlechteren Ergebnissen führt und mehr Zeit kostet. Faustregeln, die schnelle Entscheidungen ermöglichen, decken sich mit den tatsächlichen, von Demographen beobachteten Mustern der Partnerwahl. Wie so oft ist weniger mehr in einer ungewissen Welt. Egal, wie hoch der Prozentsatz ist, wir haben jetzt eine allgemeine Regel für gute Entscheidungen dieser Art gefunden. Herbert Simon hat sie Satisficing (Anspruchserfüllung) genannt: 1. Lege dein Anspruchsniveau fest. 2. Wähle die erste Alternative, die dein Anspruchsniveau erfüllt, und beende dann deine Suche.

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„Risiko“, ein Vorabdruck (4) Menschen können nicht mit Geld umgehen

15.03.2013 ·  Zinsen zum Grinsen: Sowohl Ältere als auch Jüngere können auf gerissene Tricks von Anlageberatern hereinfallen. Wer nicht aufpasst, wird seine Schulden nie mehr los.

Von Gerd Gigerenzer

Der moralische Käufer kauft lieber gar nicht als zu billig
ie haben 3000 Euro Schulden. Sie zahlen einen Nominalzinssatz von 12 Prozent im Jahr. Jeden Monat zahlen Sie 30 Euro ab. Wann haben Sie die Schulden getilgt?In a) weniger als fünf Jahren (15 Prozent) (b) fünf bis zehn Jahren (31 Prozent) c) 11 bis 15 Jahren (18 Prozent) d) 16 bis 20 Jahren (10 Prozent) e) nie (26 Prozent)?Diese Frage stellten wir mehr als 1000 Deutschen, die 18 oder älter waren. Die Zahl in Klammern gibt an, wie viel Prozent von ihnen sich für die jeweilige Antwort entschieden haben. Fast die Hälfte glaubte, die Schulden würden in weniger als fünf oder zehn Jahren abgezahlt sein. Tatsächlich würde es den Schuldnern nach Unterzeichnung dieses gerissenen Vertrags nie gelingen, ihre Schulden loszuwerden.

Eigentlich lässt sich das ziemlich leicht herausfinden. Die Bank nimmt 12 Prozent Zinsen auf die gesamte Schuldsumme, das sind jedes Jahr 360 Euro. Der Schuldner zahlt 30 Euro pro Monat, die addieren sich ebenfalls zu 360 Euro im Jahr. Beide Summen sind gleich, was heißt, dass der Schuldner nur die Zinsen zurückzahlt und nie in der Lage sein wird, mit der Abzahlung der Schuld zu beginnen. Nur ein Viertel der Deutschen begriff, dass sie ewig zahlen würden.

Ein Fußballspiel braucht mehr Zeit

Die Jungen waren ebenso ahnungslos wie die Alten; den einzigen Unterschied machte der Fernsehkonsum. Mit jeder Stunde, den die Befragten pro Tag vor dem Fernsehapparat verbrachten, sank die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Antwort wussten.

Bei Entscheidungen über Investitionen sind Bankkunden häufig völlig ahnungslos und vertrauen einfach ihren Anlageberatern. Nach einer Beratung, für die man sich weniger Zeit nimmt als für ein Fußballspiel, setzt manch einer sein Vermögen aufs Spiel. Viele der NINJAs (no income, no job, no assets – „kein Einkommen, keine Arbeit, kein Vermögen“), die in der Hypothekenkrise alles bis aufs letzte Hemd verloren, waren sich noch nicht einmal bewusst, dass ihre Zinssätze variabel und die anfänglich niedrigen Zinsen nur Köder waren. Möglicherweise hatten sie gemeint, ihre Raten seien fix wie bei Autokrediten. So waren sie eine leichte Beute für einige Banker, die sie beschwatzten, ein Darlehen für ein Haus aufzunehmen, das sie unmöglich zurückzahlen konnten.

Doch wie wir gesehen haben, könnten nicht nur ganz normale Leute, sondern auch eine Menge Experten von mehr Finanzkompetenz profitieren. Erst wenn wir der nächsten Generation den intelligenten Umgang mit Geld vermitteln, können wir sie gegen so durchsichtige Ausbeutungsversuche wappnen. Warum unterrichten wir dann keine Finanzkompetenz in der Schule? Ein entsprechender Lehrplan ließe sich nach den gleichen Prinzipien organisieren wie derjenige für Gesundheitskompetenz. Der Unterricht könnte verschiedene Fähigkeiten und Themen rund ums Geld vermitteln: wie man sein Taschengeld einteilt, wie man mit Handyrechnungen und Schuldenfallen umgeht und welchen Wert Geld im Leben der Schüler und in anderen Kulturen hat.

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http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/risiko-ein-vorabdruck-1-so-wird-das-wetter-12112346.html

Denkstücke für mehr Aufklärung

Die ökonomische Entscheidungstheorie verkauft uns seit Jahrzehnten für dumm. Entweder sie entwickelt Modelle des rationalen Handelns, die beim Entscheider riesige Rechenkapazitäten, perfekt geordnete Zielvorstellungen und hochgradige Informiertheit voraussetzen. Oder sie spricht von „bounded rationality“, beschränkter Rationalität, um Abweichungen von diesen Idealen zu beschreiben, die Alltagsdummheit gewissermaßen und die Kurzschlüsse, zu denen wir, weil wir nicht rechnen wollen oder können, gezwungen sind.

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor am dortigen Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, sieht es umgekehrt. Für ihn kommen gute Entscheidungen und richtige Lösungen oft gerade dadurch zustande, dass auf Informationen, auf komplexe Entscheidungsregeln oder auf mehr Berechnungen verzichtet wird. Im Laborexperiment irren sich Amerikaner bei der Frage „Welche Stadt ist größer: San Francisco oder Austin?“ öfter als Deutsche, weil Amerikaner auch Austin kennen, die Deutschen aber nach dem Bauchgefühl antworten: „Die bekanntere Stadt wird auch die größere sein“. Also ist es für die Theorie wie für die Praxis der Entscheidungen von Belang, wann mehr Information besser ist und wann nicht.

Gigerenzer erforscht die Tauglichkeit solcher Bauchgefühle und Daumenregeln (Heuristiken). Außerdem interessiert ihn, welche Art von Informationen, zum Beispiel welche Art von Zahlen die Qualität des Entscheidens erhöht. Sein Buch „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“, das am 18. März in den Buchhandel kommt und aus dem wir in den nächsten Tagen kurze Denkstücke vorab drucken, ist darum auch ein Plädoyer für statistische und mathematische Aufklärung. Denn unsere Schulen entlassen die Jugendlichen mit Kenntnissen über die Unterschiede zwischen „Faust I“ und „Faust II“, aber wie man eine Statistik über Brustkrebsrisiken interpretiert oder das Abzahlungsschema eines Kreditvertrages, das wissen selbst die meisten Erwachsenen nicht. Oder wissen Sie, was es bedeutet, dass es morgen mit dreißigprozentiger Wahrscheinlichkeit wieder schneien wird? (kau.)

 

So wird das Wetter

13.03.2013 ·  Wir werden von morgens bis abends bombardiert mit Statistiken und Vorhersagen. Macht uns das klüger? Treffen wir deswegen schon die richtigen Entscheidungen? Fakt ist: Wir riskieren zu wenig.

Von Gerd Gigerenzer

n einer Wettervorhersage des amerikanischen Fernsehens wurden die Aussichten für das Wochenende einmal wie folgt angegeben: Die Wahrscheinlichkeit, dass es am Samstag regnen wird, beträgt 50 Prozent. Die Aussicht, dass es am Sonntag regnet, liegt ebenfalls bei 50 Prozent. Daher wird es am Wochenende mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent regnen. Die meisten von uns werden darüber lächeln. Aber wissen Sie, was es bedeutet, wenn es im Wetterbericht heißt, dass es morgen mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent regnen wird? 30 Prozent von was?

Ich lebe in Berlin. Die meisten Berliner glauben, es werde morgen während 30 Prozent der Zeit regnen, das heißt sieben bis acht Stunden. Andere meinen, es werde in 30 Prozent der Region regnen, das heißt höchstwahrscheinlich nicht dort, wo sie wohnen. Die meisten New Yorker halten beides für Unsinn. Sie sind der Überzeugung, es werde an 30 Prozent der Tage, für die diese Vorhersage gemacht wurde, Regen geben, das heißt, morgen werde es höchstwahrscheinlich nicht regnen.

Sind die Leute völlig verwirrt? Nicht unbedingt. Zum Teil liegt es daran, dass viele Experten nie gelernt haben, Wahrscheinlichkeiten richtig zu erklären. Wenn sie verständlich machen könnten, auf welche Kategorie sich die Regenwahrscheinlichkeit bezieht – Zeit? Region? Tage? -, würde die Verwirrung verschwinden. Tatsächlich wollen die Meteorologen damit sagen, dass es an 30 Prozent der Tage regnet, auf die sich die Vorhersage bezieht. Und „Regen“ bezieht sich auf jede Menge oberhalb einer winzigen Schwelle, wie 0,1 Millimeter.

Auf sich selbst gestellt, suchen sich die Menschen eine Referenzklasse aus, die ihnen sinnvoll erscheint – etwa, wie viele Stunden, wo oder wie stark es regnet. Phantasievollere Befragte finden noch andere Klassen. Eine Frau in New York: „Ich weiß, was 30 Prozent bedeuten: Drei Meteorologen denken, es wird regnen, und sieben nicht.“ Ich sehe das folgendermaßen: Neue Vorhersagetechniken haben den Meteorologen die Möglichkeit gegeben, rein verbale Äußerungen der Gewissheit („Morgen wird es regnen“) oder der Wahrscheinlichkeit („Es ist möglich, dass“) durch numerische Exaktheit zu ersetzen. Aber größere Exaktheit hat nicht zu größerer Klarheit über die Bedeutung der Nachricht geführt.

Die Verwirrung bezüglich der Niederschlagswahrscheinlichkeit hat vielmehr bestanden, seit diese in Amerika 1965 zum allerersten Mal in der Wettervorhersage genannt wurde. Diese Verwirrung ist nicht auf Regen beschränkt, sondern macht sich stets bemerkbar, wenn eine Wahrscheinlichkeit mit einem einzelnen Ereignis verknüpft wird, zum Beispiel: „Wenn Sie ein Antidepressivum nehmen, haben Sie eine dreißigprozentige Wahrscheinlichkeit, ein sexuelles Problem zu bekommen.“ Heißt das, dass 30 Prozent aller Menschen ein sexuelles Problem entwickeln oder dass Sie selbst ein Problem bei 30 Prozent Ihrer sexuellen Begegnungen haben werden?

Weitere Artikel

Die Auflösung dieses weitverbreiteten und langandauernden Wirrwarrs ist überraschend einfach: Wenn man Meteorologen beim Fernsehen beibringen würde, wie man den Zuschauern solche Sachverhalte vermittelt, brauchte man noch nicht einmal zu fragen. Pitschnass zu werden ist ein geringes Risiko, obwohl die Niederschlagswahrscheinlichkeit in manchen Fällen – für Autorennen etwa – durchaus eine Rolle spielt. Vor einem Grand-Prix-Rennen der Formel 1 ist eine der meistdiskutierten Fragen die Wettervorhersage – die Wahl der richtigen Reifen ist entscheidend für den Sieg.

Gleiches gilt für die Nasa: Die Wettervorhersage ist ausschlaggebend für die Entscheidung, ob der Start eines Spaceshuttle stattfinden kann oder verschoben werden muss – wie der Challenger-Unfall tragisch zeigte. Doch für die meisten Leute geht es nur darum, ob sie einen Familienausflug unnötigerweise absagen oder nasse Füße bekommen. Vielleicht missverstehen die Menschen die Niederschlagswahrscheinlichkeit nur deshalb, weil so wenig auf dem Spiel steht. Sind wir risikokompetenter, wenn es um etwas wirklich Wichtiges geht?

Bauchgefühle? Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erforscht deren Tauglichkeit

Gerd Gigerenzer:  

Max Planck Institut für Bildungsforschung:

LMU – München -Festvortag

“Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge”

Dan Ariely: “Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge”, Droemer Verlag, München 2012, 320 Seiten

 Rezension Deutschlandradio Kultur (online emission)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1931795/

Gelegenheit macht Diebe - zumindest in der Finanzkrise geschehen. (Bild: picture alliance / dpa)

Gelegenheit macht Diebe – zumindest in der Finanzkrise geschehen. (Bild: picture alliance / dpa)

Der Mensch ist von irrationalen Gefühlen getrieben: einerseits egoistisch, andererseits will man auch als ehrlich gelten. Verhaltensforscher Dan Ariely hat untersucht, wann Menschen schummeln und warum sie wann ehrlich sind. Verblüffend.

Gelegenheit macht Diebe?! Wenn man – wie Dan Ariely – auf die Finanz- und Bankenkrise blickt, hat man den Eindruck, die Volksweisheit stimmt. Aber sind wir Menschen tatsächlich immer und überall auf unseren Vorteil bedacht? Auf Fragen wie diese sucht der Verhaltensökonom in “Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge” Antworten. Und er findet sie. Geschrieben in einer unterhaltsamen Mischung aus Experimenten, Anekdoten und Beispielen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, stets verbunden mit einem Nachdenken über die möglichen gesellschaftspolitischen Folgen, ist ein ebenso kluges wie lehrreiches Buch entstanden.

Ariely stellt sich gegen die klassischen Sicht der Wirtschaftswissenschaften, die davon ausgeht, dass menschliches Verhalten allein durch eine rationale Kosten-Nutzen-Analyse bestimmt wird – jeder nimmt, soviel er kann, und je höher die Strafe, desto geringer der Betrug. Stattdessen sieht Ariely zwei widerstreitende Kräfte am Werk: Man versucht zwar immer möglichst viel für sich selbst herauszuholen, doch gleichzeitig möchte man auch dem Bild eines ehrlichen Menschen entsprechen. Der Mensch ist also immer auch von irrationalen Kräften getrieben. Eine These, die auch vom Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman vertreten wird.

Dan Arielys große Stärke sind seine ebenso einfachen wie lebensnahen Experimente, deren vergnügliche Schilderungen zu den Highlights seiner Bücher gehören. So lässt er eine Gruppe von Studenten simple Aufgaben lösen, jede richtige Lösung wird vergütet. Eine Gruppe muss das Blatt abgeben, eine andere darf es vernichten und soll nur angeben, wie viele Aufgaben bewältigt wurden. Verglichen mit der ersten Gruppe waren die auf Treu und Glauben abgegebenen Werte der zweiten Gruppe zwar höher als die der ersten, aber nicht all zu viel. Dieser “Schummelfaktor” widerlegt die These vom maximalen Eigennutz und ist laut Ariely ein Indiz dafür, dass meistens genauso viel betrogen wird, wie es mit einem Selbstbild als ehrlicher Mensch noch in Einklang zu bringen ist.

Darüber hinaus untersucht er, welche Faktoren Unehrlichkeit begünstigen, darunter fallen Erschöpfung, Interessenskonflikte oder altruistische Motive. Zudem fällt es leichter zu betrügen, wenn andere es auch tun und wenn unehrliches Verhalten kulturell nicht sanktioniert wird.

Doch was lässt Menschen ehrlich bleiben? Auch das hat Dan Ariely erforscht, mit verblüffenden Ergebnissen. Die Höhe einer möglichen Strafe hat kaum Auswirkungen auf das Betrügen, dafür hilft es, den Menschen bei seiner Ehre zu packen. Das Leisten einer Unterschrift vor dem Anfang der Aufgabe senkte die Unehrlichkeit deutlich; ebenso wirksam sind moralische Gedächtnisstützen oder eine neutrale Beaufsichtigung.

Dan Ariely gehört zu den wichtigsten und interessantesten Wissenschaftlern unserer Tage, und versteht es immer wieder, seine Leser zu begeistern. Klug und selbstironisch geschrieben ist auch sein drittes Buch ein brillantes Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit unserer unvernünftigen Natur.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Dan Ariely: Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge. Wie wir andere täuschen und uns selbst am meisten
Droemer Verlag, München, Oktober 2012
320 Seiten, 19,99 Euro

Dan ArielyDan Ariely: http://danariely.com/

Portrait & links zu seinen online Vortraegen (auf Englisch in TED )

http://www.ted.com/speakers/dan_ariely.html

Dan Ariely habla sobre

– nuestro código moral defectuoso (On our buggy moral code) subtitulado en español :
http://www.ted.com/talks/dan_ariely_on_our_buggy_moral_code.html

– Dan Ariely asks, Are we in control of our own decisions?:
http://www.ted.com/talks/dan_ariely_asks_are_we_in_control_of_our_own_decisions.html