Arbeitsmarkt… und raus bist du

Deutschland feiert sein Jobwunder. Doch der Erfolg ist teuer erkauft: Durch Leiharbeit, Niedriglöhne und die ständige Gefahr des sozialen Abstiegs. Von 

http://www.zeit.de/2013/33/arbeitsmarkt-jobwunder-leiharbeit-niedriglohn

BMW setzte in seinem Leipziger Werk (Archivbild) sehr viele Leiharbeiter ein, was jahrelang umstritten war. Im vergangenen Jahr versprach das Unternehmen, statt dessen feste Stellen zu schaffen.

BMW setzte in seinem Leipziger Werk (Archivbild) sehr viele Leiharbeiter ein, was jahrelang umstritten war. Im vergangenen Jahr versprach das Unternehmen, statt dessen feste Stellen zu schaffen.  |  © Peter Endig/dpa

Wenn ein kranker Mensch gesund wird, kann man das an Zahlen erkennen. An Herzfrequenzen, Tumormarkern, Rheumafaktoren. Auch wenn ein Land sich erholt, lässt sich das an Zahlen ablesen. Vor allem ein Wert scheint zu belegen, wie viel Kraft Deutschland in den vergangenen Jahren gewonnen hat: die stark gesunkene Zahl der Arbeitslosen.

Ende August wird Frank-Jürgen Weise, Präsident der Bundesagentur für Arbeit, wie jeden Monat vor der versammelten Presse die neuesten Daten des deutschen Arbeitsmarkts präsentieren. Er wird Zahlen vortragen, die sich zusammenfügen zu der Geschichte einer wundersamen Heilung.

Noch vor gut zehn Jahren, 2002, waren in Deutschland 4,1 Millionen Menschen ohne Job. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit war das bestimmende Thema im Bundestagswahlkampf. Die Zeitungen schrieben vom “kranken Mann Europas”, auf der Bestsellerliste standen Bücher wie Ist Deutschland noch zu retten? und Deutschland – Der Abstieg eines Superstars.

Heute gibt es in Deutschland nur noch 2,9 Millionen Arbeitslose.

Wie jeden Monat wird Frank-Jürgen Weise kaum mehr als fünf Minuten reden. Er wird seine exakten Formulierungen durch eine betont langsame und deutliche Aussprache unterstreichen, wie ein nüchterner Mediziner, der die neuesten Laborwerte vom Papier abliest. Der Patient wird die Sprechstunde erleichtert verlassen.

Inmitten der Euro-Krise ließ Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) für 330.000 Euro riesige Plakate aufhängen, auf denen stand: “So viele Menschen in Arbeit wie nie zuvor.” Darunter, in großen Lettern: “Danke, Deutschland.”

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte auf ihrer Sommer-Pressekonferenz im Juli: “Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung.” Als Beleg nannte sie die Erwerbstätigkeit, die auf einem Rekordstand sei. In einem Interview hatte sie zuvor gesagt: “Wir alle können stolz sein, im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit solche Erfolge erreicht zu haben.”

Es ist wieder Wahlkampf in Deutschland, doch manchmal könnte man das fast vergessen. Angela Merkel wirkte bei ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz geradezu unangreifbar. Die guten Arbeitsmarktzahlen sind ihr Trumpf, gern vergessen die Wähler andere Themen, weil es dem Land ja wirtschaftlich gut geht. Die Opposition kann der Kanzlerin kaum etwas anhaben.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück versuchte es kurz vor der Sommerpause im Bundestag. Er sagte, die Kanzlerin sei mitschuldig an der Jobmisere. Aber er meinte die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa, er kritisierte Merkels Politik in der Euro-Krise.

Es ist dies der erste Bundestagswahlkampf seit Jahrzehnten, in dem das einstige deutsche Dauerleiden Arbeitslosigkeit keine Rolle spielt. Der Patient scheint geheilt. Er gilt jetzt als Vorbild: Das britische Magazin The Economist druckte auf Deutsch die Überschrift Modell Deutschland über alles und schrieb, “dass die bedrängten politischen Führer in Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien wehmütig davon sprechen, sie müssten wie Deutschland werden”.

Deutschlands Kampf gegen die Krankheit begann im Frühjahr 2002. Es war die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder, die damals den VW-Manager Peter Hartz beauftragte, Therapievorschläge für Deutschland zu entwickeln. Begriffe wie “Job-Floater” und “Quick-Vermittlung” machten Medienkarriere.

Seinen Arbeitsoverall hat sich der Leiharbeiter Jens Blum selbst gekauft

Union und FDP unterstützten die Reformen, die ein Jahr später unter dem Titel “Agenda 2010” verabschiedet wurden. Die Gesetzesänderungen wurden von der größtmöglichen Koalition getragen. Deshalb wäre die Geschichte von der deutschen Heilung eine Geschichte, auf die tatsächlich, mit den Worten der Kanzlerin, “wir alle” sehr stolz sein könnten. Wenn sie denn stimmte.

Im Jahr 2002, vor Inkrafttreten der Agenda 2010, lag die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland bei 39,3 Millionen. Heute sind es 41,8 Millionen. Das ergibt einen Zuwachs von 2,5 Millionen neuen Jobs. Auf den ersten Blick erwies sich die Agenda 2010 also als segensreiches und überaus wirksames Medikament.

Nichts an dieser Rechnung ist falsch. Dennoch verbirgt sich hinter diesen Zahlen eine zweite, eher selten beachtete Diagnose dessen, was im Organismus der Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren wirklich passiert ist.

Einen Befund, der zu dieser Diagnose führt, liefert die Geschichte des Fließbandarbeiters Jens Blum*.

Wenn Blum in einer Fabrik in Norddeutschland den Blaumann anzieht, ist er von seinen Kollegen nicht zu unterscheiden. Der 44-Jährige trägt dieselbe Arbeitskluft wie alle anderen, auf dem Rücken prangt das Logo eines großen Autoherstellers. Am Fließband baut Blum Kabelbäume in die Türen der im Minutentakt an ihm vorbeiziehenden Autos ein.

Blum hat die gleichen Arbeitszeiten wie seine Kollegen, mal Früh-, mal Spätschicht. Er nutzt denselben Pausenraum, dieselben Duschen, dieselbe Kantine. Und doch ist Blum keiner von ihnen. Die Arbeitskleidung des Autoherstellers hat er der Autofirma von seinem eigenen Geld abgekauft.

Der gelernte Schweißer Jens Blum ist Leiharbeiter. Den dünnen, billigen Arbeitsoverall, den die Leiharbeitsfirma ihm zur Verfügung stellt, zieht er nicht an, so wie die meisten anderen der 200 Leiharbeiter im Werk. Sie wollen sich nicht als Arbeiter zweiter Klasse fühlen.

Genau das sind sie aber: Blum erledigt zwar die gleiche Arbeit wie die Stammarbeiter, doch er bekommt nicht den gleichen Lohn. “2.500 Euro brutto hab ich, das sind 1.600 bis 1.700 netto”, sagt er. Blums Kollege aus der Stammbelegschaft, der neben ihm am Band steht und ebenfalls Kabelbäume in die Autos einbaut, erhält rund 850 Euro brutto mehr pro Monat.

Seit zehn Jahren schon schlägt sich Blum mit Leiharbeitsjobs und kurzen Anstellungsverträgen durch. Mal war er bei einem Hersteller von Wasserhähnen, mal bei einem Schiffszulieferer. Seit drei Jahren arbeitet er nun im Autowerk, aber wie lange es weitergeht, weiß er nicht. Seine Beschäftigung wird immer nur für drei oder sechs Monate verlängert. “Man kann nie lange planen”, sagt Blum. Er ist alleinerziehender Vater und wohnt mit seinem halbwüchsigen Sohn in einer kleinen Dreizimmerwohnung am Stadtrand. Blum wagt keine größeren Anschaffungen, nimmt keinen Kredit auf, weil er nicht weiß, ob er die Schulden abzahlen kann oder bald arbeitslos ist.

Womöglich ist er es schon sehr bald. Vor zwei Wochen hatte Blum einen Bandscheibenvorfall. Er ist krankgeschrieben. Sein Vorarbeiter hat ihm gesagt, spätestens nächste Woche müsse er wiederkommen, er brauche ihn. Jetzt fürchtet Blum, der Autokonzern werde bei der Leiharbeitsfirma nach Ersatz fragen. Dann könnte die Leiharbeitsfirma einen neuen Mann schicken und Blum entlassen, mit der Begründung, er sei zu lange krank. Juristisch wäre das tatsächlich möglich.

Mit kaputter Bandscheibe in die Fabrik gehen oder die Entlassung riskieren – das ist die Frage, die sich dem Leiharbeiter Jens Blum jetzt stellt.

Wenn ein Unternehmen viele Aufträge hat, soll es seine Mitarbeiter keine Überstunden schieben lassen, sondern lieber vorübergehend Leiharbeiter einstellen. Mehr Jobs statt mehr Stunden, das war das Kalkül der Agenda 2010. Jens Blum und seine 200 Leiharbeiterkollegen sind nicht vorübergehend in dem Autowerk eingestellt, sondern dauerhaft. Das ist möglich, weil ihr befristeter Einsatz dank der Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre beliebig oft verlängert werden darf.

Im Jahr 2012 gab es in Deutschland 820.000 Leiharbeitsplätze. Zehn Jahre zuvor, vor Beginn des Jobwunders, waren es nur 310.000. Ein Zuwachs von mehr als 500.000 Leiharbeitsjobs.

Aber nur 250.000 dieser Jobs, also die Hälfte, sind wirklich neue Arbeitsplätze. Die anderen 250.000 haben besser bezahlte, unbefristete Jobs vernichtet. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit vom Anfang dieses Jahres verdrängt jede zweite Leiharbeitsstelle einen Arbeitsplatz in der Stammbelegschaft.

Nicht einmal drei Euro pro Stunde verdient die Minijobberin Iris Engler

Iris Engler, 47, hat es besser getroffen als Jens Blum. Allerdings nur auf den ersten Blick. Sie sitzt in einem mit alten Holzmöbeln eingerichteten Café in der Kleinstadt Delmenhorst bei Bremen, vollgestopft mit handgefertigten Hüten, Puppen, Kissen und Kleidern. Früher war das Café das Pförtnerhaus der Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei. Das Werksgelände mit den über 100 Jahre alten Fabrikgebäuden aus rotem Backstein ist heute ein Industriedenkmal. In einer Wohnung am Rand des Areals lebt Iris Engler mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern.

Das Café ist Englers Arbeitsplatz. Es ist auch die vorläufige Endstation ihres stufenweisen Abstiegs.

Iris Engler hat Schriftsetzerin gelernt, vor vielen Jahren, einen Beruf, den es heute nicht mehr gibt. Regelmäßig hat sie Fortbildungen besucht, 13 Jahre lang hatte sie eine gut bezahlte Vollzeitstelle bei einem Kunstverlag in Bremen, unbefristet, Sozialversicherung, Urlaubsanspruch. Als die Aufträge zurückgingen, erhielt sie die Kündigung, das war vor fünf Jahren.

Engler bekam eine neue Stelle bei einem Verlag in Oldenburg, wieder ein regulärer sozialversicherungspflichtiger Job – aber nur Teilzeit und nur befristet auf ein Jahr. Schon bald musste sich Engler wieder eine neue Arbeit suchen. Ihr Mann verdient als einfacher kaufmännischer Angestellter bei einem Kaffeehersteller zu wenig, mit seinem Einkommen allein lägen die Englers nur 100 Euro über dem Hartz-IV-Satz für eine vierköpfige Familie.

Doch diesmal fand Iris Engler in ihrem erlernten Beruf keinen Job mehr. “Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit war ich bereit, jede Arbeit anzunehmen”, sagt sie. Sie wurde Kurierfahrerin für ein Dentallabor, es war ihr erste Begegnung mit einem Begriff, den es noch nicht lange gibt in Deutschland: Minijob.

Ein Minijob, auch “geringfügige Beschäftigung” genannt, ist eine Arbeitsstelle, die mit höchstens 450 Euro im Monat entlohnt wird. Für Minijobs müssen die Arbeitgeber nur geringe Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, das macht sie kostengünstig. Minijobs waren deshalb ein wichtiges Element der Agenda 2010.

Iris Engler bekam in ihrem ersten Minijob sechs Euro pro Stunde und keinen bezahlten Urlaub, krank durfte sie nicht werden. “Mein Chef sagte: Wenn Sie den gelben Schein bringen, sind Sie den Job los.” Im Ford Fiesta des Dentallabors raste sie durch Südniedersachsen. “Ich musste immer um eins zu Hause sein und die Kleine aus der Vorschule abholen”, erzählt sie. “Ich bin dauernd zu schnell gefahren und oft geblitzt worden.”

Immer wieder habe sie ihren Chef gedrängt, sie regulär auf Lohnsteuerkarte zu beschäftigen, doch das habe der strikt abgelehnt. Schließlich warf sie den Job hin und beschloss mit ihrem Mann, das Café in der alten Wollkämmerei zu übernehmen. Er hat das Lokal gemietet und betreibt es offiziell, sie ist seine Angestellte und führt den Laden für 450 Euro im Monat, steuerfrei, krankenversichert über ihren Mann, der weiterhin jeden Tag ins Büro geht.

Die Englers sind jetzt also Unternehmer. Das hört sich gut an, aber das Café wirft gerade so viel ab, dass es für Iris Englers Minijob, für die Miete und die laufenden Ausgaben reicht. Von 11 bis 18 Uhr ist das Café geöffnet, genauso lange arbeitet sie jeden Tag.

Auf welchen Stundenlohn kommt sie umgerechnet? So genau wolle sie das gar nicht wissen, sagt Engler, “irgendetwas zwischen 2,50 und drei Euro”, noch weniger als in ihrem Job als Kurierfahrerin.

Mehr als zwei Millionen Menschen arbeiten unfreiwillig Teilzeit

Mit jedem Jobwechsel hat sich Iris Engler finanziell verschlechtert. Was sie brauchte, wäre wieder ein Vollzeitjob wie früher oder wenigstens eine reguläre Teilzeitstelle, unbefristet und mit Sozialversicherung.

Auch die Hartz-Reformer sahen Minijobs eher als Übergangslösung. Für Langzeitarbeitslose und für Frauen, die aus familiären Gründen längere Zeit zu Hause geblieben waren, sollten Minijobs eine Brücke zurück in eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schlagen. Klein anfangen, sich einarbeiten, dann eine richtige Stelle bekommen, das war die Hoffnung. Es war eine Illusion.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Demnach gibt es in Deutschland mittlerweile 7,5 Millionen Minijobber, vor allem im Einzelhandel, auch das Reinigungsgewerbe und die Gastronomie setzen auf Minijobs. Für fast fünf Millionen Beschäftigte ist der Minijob der Hauptjob, so wie für Iris Engler. Für Menschen mit Minijob als Haupt- und nicht als Nebenbeschäftigung entfalteten die Jobs “eine schnell einsetzende und hohe Klebewirkung und keine Brückenfunktion”, schreibt der Autor der Studie, Professor Carsten Wippermann vom Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung.

Nur jeder siebte Minijobber schafft den Sprung auf eine Vollzeitstelle, hat Wippermann herausgefunden. Nur jeder vierte erreicht wenigstens eine reguläre Teilzeitstelle mit mindestens 20 Stunden pro Woche.

Zwei Drittel der Minijobber sind Frauen, heißt es in der Studie. Auch mit guter Ausbildung würden sie nicht mehr als Fachkraft wahrgenommen, sondern “bekommen das stigmatisierende Label ›Minijobberin‹ und haben kaum noch Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung”.

Der Leiharbeiter Jens Blum und die Minijobberin Iris Engler haben etwas gemeinsam. Sie haben zwar eine sogenannte “atypische Beschäftigung”, so wird jede Arbeit genannt, die befristet, nicht sozialversicherungspflichtig, ein Teilzeitjob oder Leiharbeit ist. Aber: Den Statistikern ist das egal. Sie zählen jede Art von Arbeit als Beschäftigungserfolg. Jens Blum und Iris Engler empfinden sich selbst eher als Verlierer des Arbeitsmarktes. Offiziell aber zählen sie zu den Gewinnern, zu jenen, denen das Medikament Agenda 2010 geholfen hat.

Seit Beginn des Jobwunders sind in Deutschland zwei Millionen neue Minijobs entstanden, auch die Zahl der Teilzeitjobs insgesamt ist kräftig gestiegen. Nach einer Studie des IAB kommt es vor allem in kleinen Betrieben häufig vor, dass reguläre Arbeitsplätze gestrichen und durch mehrere Minijobs oder Teilzeitarbeitsplätze ersetzt werden.

Inzwischen arbeiten auch Menschen mit mittlerer und höherer Bildung vermehrt in Teilzeit. Und immer mehr Männer, vor allem junge Männer unter 40, dringen in die einstmals reine Frauendomäne Teilzeitarbeit vor, hat der Arbeitsmarktforscher Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin herausgefunden. Allerdings nicht, weil sie mehr Zeit für ihre Familien haben wollen – ein großer Teil von ihnen findet keine Vollzeitstelle.

Mehr als zwei Millionen Menschen, Frauen wie Männer, arbeiten inzwischen unfreiwillig Teilzeit, hat Brenke festgestellt. Für sie sei ihr Job nur eine Notlösung, sagt der Wissenschaftler.

Margot Fricke* arbeitet Vollzeit. Jedenfalls, wenn genug zu tun ist. Manchmal arbeitet sie auch gar nicht. Dann hat sie wochenlang keine Einkünfte. Bis wieder ein neuer Auftrag hereinkommt.

Die 50-Jährige hatte noch nie in ihrem Leben eine feste Stelle. Vor Jahren hat sie Foto-Ingenieurwesen studiert und anschließend als freie Mitarbeiterin für Medienunternehmen gearbeitet. Das macht sie immer noch, verändert hat sich nur der Name, den die Verwalter des Arbeitsmarktes für kleine Selbstständige wie sie vorsehen. Früher war Margot Fricke eine Ich-AG, jetzt ist sie eine Solo-Selbstständige.

Margot Fricke wohnt in einer Kleinstadt in Norddeutschland. Ihre Wohnung ist auch ihr Arbeitsplatz. Sie entwickelt E-Learning-Programme für Firmen – Unterrichtsmaterialien, mit denen sich Mitarbeiter auf dem Computer oder übers Internet weiterbilden können.

Zuletzt hat Fricke für ein Busunternehmen ein elektronisches Lernprogramm zum Thema Fahrphysik erstellt. Es soll Busfahrern zeigen, wie sich ihr Fahrverhalten auf die Passagiere auswirkt, zum Beispiel, welche Fliehkräfte entstehen, wenn sie eine Kurve zu schnell nehmen oder wenn sie stark bremsen.

Ihre Aufträge erhält Fricke von einem Multimedia-Unternehmen, das dann die Unterrichtsmaterialien an andere Firmen weiterverkauft. Die Honorare sind gering, das Multimedia-Unternehmen will seine Kosten niedrig halten.

Im Schnitt komme sie auf knapp 1.000 Euro brutto im Monat, sagt die Akademikerin. Einmal verdiente sie in einem ganzen Jahr nur 6.000 Euro. Hin und wieder arbeitet Fricke auf dem Wochenmarkt, verkauft Obst und Gemüse, um ihr Einkommen aufzubessern.

Die Förderung der Selbstständigkeit war neben der Erleichterung von Leih- und Teilzeitarbeit ein weiterer wichtiger Bestandteil der Agenda 2010. Existenzgründungszuschüsse sollten Kleinunternehmern zum Erfolg verhelfen. Von unentdeckten Talenten war die Rede, von großen Potenzialen, die es auszuschöpfen gelte.

Tatsächlich sind die sogenannten Solo-Selbstständigen wesentlich besser qualifiziert als der Durchschnitt der Erwerbstätigen. Ausgebildete Lehrer sind unter ihnen, Dolmetscher, Psychologen, Publizisten, aber auch Techniker, IT-Kräfte, Ingenieure. Solo-Selbstständige arbeiten in der Bildung und in künstlerischen Berufen, als Maler, Schauspieler und Musiker. Man könne von einer “kreativen Klasse” sprechen, sagt der Arbeitsmarktforscher Brenke vom DIW. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von ihrem Beruf allein meist nicht leben können.

Margot Fricke war erleichtert, als sie vor zwei Jahren ein kleines Haus erbte. “Es sollte meine Absicherung gegen Altersarmut sein”, sagt sie, die alleinstehend ist und keine Kinder hat. Weil immer wieder das Geld knapp wurde, hat sie das Haus inzwischen verkauft und “schon viel vom Erlös aufgezehrt”.

Da sie im weiteren Sinne kreativ tätig ist, muss Fricke wenigstens wie eine Festangestellte nur die Hälfte der Beiträge zur Krankenversicherung zahlen. Den Rest bezahlt die Künstlersozialkasse.

Andere Solo-Selbstständige aber sind gar nicht versichert, ihnen fehlt das Geld. Wenn sie krank werden, gehen sie zu Ärzten wie Detlev Niebuhr.

Der Internist Niebuhr, 69 Jahre alt, hat vor zwei Jahren seine Praxis in der Nähe von Hamburg verkauft. Er hat sich zur Ruhe gesetzt, eigentlich, aber ein bisschen arbeitet er noch weiter. Einmal in der Woche hat er bei der “Malteser Migranten Medizin” eine Sprechstunde, immer donnerstags von 16 bis 20 Uhr. Das Katholische Marienkrankenhaus in Hamburg stellt den Maltesern dafür ein Behandlungszimmer zur Verfügung.

140.000 Deutsche können sich keine Krankenversicherung mehr leisten

Seit einigen Jahren betreibt der Malteser Hilfsdienst zwölf solcher Arztpraxen in ganz Deutschland. Gegründet wurden sie, um Ausländer, die illegal in Deutschland leben, kostenlos ärztlich zu versorgen. Längst kommen in Niebuhrs Sprechstunde auch Deutsche, denen das Geld für eine Krankenversicherung fehlt, von Jahr zu Jahr werden es mehr. Meist sind es Inhaber von Ein-Personen-Unternehmen – Solo-Selbstständige. Und oft haben sie mit dem Gang zum Arzt so lange gewartet, bis die Krankheit chronisch wurde.

Kürzlich tauchte ein Handwerker in der Sprechstunde auf, er betrieb ein Ein-Mann-Unternehmen für Dienstleistungen rund ums Haus. “Der Mann hatte schwere Diabetes, Komplikationen waren absehbar”, sagt Niebuhr. Weil der Handwerker jahrelang zu wenig verdient hatte, war er bei seiner Krankenversicherung mit den Beiträgen immer weiter in Rückstand geraten, schließlich waren die Schulden so hoch, dass die Versicherung ihn ausschloss.

Solche Fälle sind keine Einzelschicksale mehr. Nach einer aktuellen Schätzung des Bundesverbandes der Privaten Krankenversicherungen haben inzwischen 140.000 Bundesbürger keine Krankenversicherung. Weshalb der Bundestag, wenige Wochen bevor Kanzlerin Merkel sagte, Deutschland könne stolz auf seine Arbeitsmarkterfolge sein, eigens das “Gesetz zur Beseitigung sozialer Überforderung bei Beitragsschulden” verabschiedete. Wer sich bis zum Ende dieses Jahres krankenversichert, dem sollen sämtliche Beitragsrückstände erlassen werden.

Zwischen 2002 und 2012 ist die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen in Deutschland von 1,7 Millionen auf 2,2 Millionen gestiegen.

Margot Fricke gehört zu diesen 2,2 Millionen. Doch mit ihrem Einkommen von durchschnittlich 1.000 Euro im Monat fällt sie auch in eine weitere stark wachsende Kategorie des deutschen Arbeitsmarkts: Sie ist Niedriglöhnerin.

Ein Lohn gilt als Niedriglohn, wenn er weniger als zwei Drittel des mittleren Verdiensts aller Beschäftigten ausmacht. In Deutschland liegt die Grenze bei 9,54 Euro brutto in der Stunde, alles darunter wird als Niedriglohn bewertet. Das trifft auf die Löhne von rund 7,3 Millionen Menschen zu – 22 Prozent aller Berufstätigen. Einen höheren Anteil an Geringverdienern als Deutschland haben in Europa nur Lettland, Litauen, Rumänien und Polen.

In manchen Branchen arbeiten in Deutschland fast nur noch Geringverdiener. 87 Prozent aller Taxifahrer bekommen einen Niedriglohn, ergab eine Untersuchung des Statistischen Bundesamts. Ebenso 86 Prozent der Friseure, 77 Prozent der Bedienungen in Gaststätten, 69 Prozent der Verkäufer im Einzelhandel, 68 Prozent aller Leiharbeiter, 68 Prozent der Beschäftigten in Callcentern, 62 Prozent des Hotelpersonals, 60 Prozent der Wachleute bei privaten Sicherheitsdiensten.

Viele Beschäftigte versuchten, aus dem Niedriglohnkeller herauszukommen, indem sie besonders lange arbeiten, hat der Arbeitsmarktexperte Brenke herausgefunden. Doch das gelinge “nur zu einem kleinen Teil”. Auch wenn die Menschen viel schuften, bleiben sie Geringverdiener. 900.000 Niedriglöhner arbeiten mehr als 50 Stunden in der Woche. Eine solche Belastung verbietet das Arbeitszeitgesetz. Arbeitnehmer dürfen nicht mehr als 48 Stunden in der Woche arbeiten. Doch die Schutzvorschrift werde häufig ignoriert, kritisiert Brenke.

Längst ist die Bundesrepublik in einigen Branchen zum Billiglohnland des Kontinents geworden. Empörten sich die Bürger vor wenigen Jahren noch darüber, dass Nordseekrabben in Marokko gepult wurden, werden mittlerweile Schweine aus europäischen Nachbarländern nach Deutschland gekarrt und hier geschlachtet. Der belgische Wirtschaftsminister, dänische Gewerkschafter, französische Industrielle, österreichische Großhändler, sie alle schimpfen öffentlich auf die Dumpinglöhne im einstigen Hochlohnland Deutschland. Inzwischen sind bei der EU-Kommission mehrere Beschwerden wegen Wettbewerbsverzerrung eingegangen.

In der Kleinstadt Ahlhorn im Kreis Oldenburg steht Mario Gliese, an ein Mäuerchen gelehnt, vor dem grauen Mehrfamilienhaus, in dem er mit Frau und zwei Töchtern wohnt. Die Sonne scheint, Gliese hat eine Thermoskanne Kaffee mitgebracht. Den könne man doch hier vor dem Haus trinken, schlägt er vor.

Gliese sieht aus wie ein Boxer. Der 53-Jährige hat eine untersetzte, bullige Statur und einen muskulösen Nacken. Über Bauch und Brust ziehen sich lange Narben von Arbeitsunfällen und Operationen. Gliese ist einer von 60 Schlachtern in der Großschlachterei des niederländischen Fleischkonzerns Vion in Emstek im Landkreis Cloppenburg in Westniedersachsen. Anders als der Leiharbeiter Jens Blum, die Minijobberin Iris Engler und die Solo-Selbstständige Margot Fricke hat Mario Gliese eine unbefristete, sozialversicherte Vollzeitstelle. Weil diese Form der Beschäftigung früher in Deutschland normal war, wird sie von den Statistikern noch immer so genannt: Normalarbeitsverhältnis.

36 Jahre lang hat Gliese Schweine geschlachtet, die, an den Füßen aufgehängt, an einem Band an ihm vorbeizogen, “immer bei 30 Grad Hitze”, wie er sagt. Sein Gehalt: 2.200 Euro brutto im Monat.

Vor einem halben Jahr wurde Gliese ins Kühlhaus versetzt. Seitdem wuchtet er den ganzen Tag 35 Kilogramm schwere Kisten mit Schweinefleisch auf ein Förderband, bei minus sechs Grad. Die eisige Kälte nach der jahrelangen Hitze mache ihm zu schaffen, sagt Gliese. Er habe überall Schmerzen.

Die Schlachtarbeiter schlafen in hygienisch unzumutbaren Quartieren

Glieses früheren Job am Schlachtband erledigen jetzt sogenannte Werkvertragsarbeiter aus Rumänien. Anders als Gliese sind sie nicht beim Fleischkonzern Vion angestellt, sondern bei einem rumänischen Subunternehmer, der im Auftrag von Vion in der Großschlachterei des Konzerns die Schweine schlachtet. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Werk Emstek sind jetzt rumänische Werkvertragsarbeiter. Das ist billiger. Der Vion-Betriebsrat Martin Tiedeken schätzt, dass die rumänischen Schlachter höchstens fünf Euro pro Stunde verdienen. Nicht einmal er weiß es genau.

Überall in Deutschland setzen Großunternehmen der Fleischindustrie inzwischen auf Werkvertragsarbeiter. Meist kommen sie aus Osteuropa, fast immer arbeiten sie für einen Hungerlohn, oft hausen sie in heruntergekommenen Unterkünften, manchmal teilen sich acht Arbeiter ein Vierbettzimmer. Während die einen in der Fabrik sind, schlafen die anderen.

Die Werkvertragsarbeiter wohnen zum Beispiel in einer ehemaligen Kaserne, nicht weit von der Vion-Fleischfabrik in Emstek. Der Zugang zum Gelände wird von privaten Sicherheitsleuten verwehrt. Sie lassen keinen Fremden herein. Spricht man die rumänischen Arbeiter auf dem Heimweg an, antworten sie nicht, eilig gehen sie weiter und verschwinden hinter dem Kasernentor.

Der niedersächsische Landkreis Vechta, in dem mehrere große Fleischfabriken stehen, hat kürzlich 120 Unterkünfte von 1.300 Werkvertragsarbeitern kontrolliert. Am Eingang eines zweistöckigen Wohnhauses hätten allein 70 Namen gestanden, sagt ein Sprecher des Landkreises. Viele Quartiere seien in einem hygienisch unzumutbaren Zustand gewesen, für 400 Schlafplätze habe der Kreis die Nutzung untersagt. “Andere rechtliche Mittel haben wir nicht”, sagt der Sprecher. Werkverträge sind ja nicht illegal.

Dass Gliese und die übrigen Schlachter aus der Stammbelegschaft jetzt in einem anderen Bereich des Werks bei gleicher Bezahlung weiterarbeiten können, hätten Betriebsrat und Gewerkschaft der Vion-Geschäftsleitung mühsam abgetrotzt, sagt Betriebsrat Tiedeken. Die Vereinbarung gilt für drei Jahre. Und danach? “Dann sind die alle weg”, sagt der Betriebsrat illusionslos. Es werden dann in Deutschland ein paar Normalarbeitsverhältnisse verschwinden.

Man muss an dieser Stelle eine Berechnung des Statistischen Bundesamtes erwähnen, auf die sich auch die Bundesregierung in ihrem Bemühen, sich selbst zu loben, gerne beruft. Demnach ist in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren nicht nur die atypische Beschäftigung gestiegen, sondern auch die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse, vor allem seit dem konjunkturellen Tiefpunkt im Jahr 2005. Der Schlachter Mario Gliese, der vermutlich seine unbefristete Vollzeitstelle verlieren wird, wäre demnach eine Ausnahme.

Bei genauerem Hinsehen allerdings zeigt sich, dass diese Analyse problematisch ist. Die Statistiker bewerten bereits Stellen mit einer Arbeitszeit von nur 21 Stunden pro Woche als Vollzeitarbeitsplätze. Niedriglohnjobs zählen sie ebenfalls mit. Weshalb auch Arbeitsagentur-Präsident Frank-Jürgen Weise, der Arzt, der dem Patienten Deutschland jeden Monat seine Laborwerte vorträgt, das deutsche Jobwunder auf Nachfrage so erklärt: “Die Zuwächse in der Beschäftigung haben wir bei Befristungen, in Teilzeit-, Minijobs und Zeitarbeit”.

Es gibt neben den 2,3 Millionen neuen Arbeitsplätzen noch eine zweite Zahl, die viel über das deutsche Jobwunder verrät: 1.397 Stunden. Das ist die Arbeitszeit, die pro Jahr auf einen durchschnittlichen Job entfällt. Diese Zahl ist gesunken, über viele Jahre. Dadurch reicht die vorhandene Arbeit jetzt für mehr Leute. Es ist Raum entstanden für neue Jobs.

Interessanterweise erinnert das an eine jahrzehntealte Gewerkschaftsforderung. Ende der achtziger Jahre gingen manche Ökonomen davon aus, dass die Bundesrepublik nicht mehr in der Lage sei, genug Wirtschaftswachstum zu erzeugen, um zwei oder drei Millionen Menschen zusätzlich zu beschäftigen. Also, so ihr Gedanke, müsse die schon vorhandene Arbeit anders aufgeteilt werden, um auf diese Weise die Arbeitslosigkeit zu senken.

Letztlich hat die Agenda 2010 genau dieses Konzept ein Stück weit verwirklicht: Sie hat neue Arbeit erzeugt, aber vor allem viel alte Arbeit anders verteilt. Während die Gewerkschaften allerdings immer verlangten, dass dies ohne starke Lohneinbußen zu bewerkstelligen sei, haben die Hartz-Reformer die Neuverteilung der Arbeit erreicht, indem die Qualität und die Bezahlung vieler Arbeitsplätze in Deutschland sanken.

Inzwischen gibt der Staat jedes Jahr rund elf Milliarden Euro aus, um Jobs zu subventionieren, von deren Gehältern keiner leben kann: Die Zahl der Beschäftigten, deren Lohn unter dem Hartz-IV-Niveau liegt, pendelt seit Jahren um die 1,3 Millionen, davon sind 300.000 Vollzeitstellen. Würde der Staat diese Arbeitsplätze nicht subventionieren, gäbe es sie vermutlich nicht.

Deutschland war krank im Jahr 2002. Ohne die Agenda 2010 wären der Leiharbeiter Jens Blum und die Minijobberin Iris Engler heute womöglich arbeitslos, und die Honorare der Kleinunternehmerin Margot Fricke wären ohne Agenda 2010 vermutlich auch nicht höher.

Man kann deshalb sagen, die Agenda 2010 war das kleinere Übel. Aber es ist schwer festzustellen, wie viel besser es dem Land wirklich geht. Sicher ist nur: Deutschland ist anders geworden. Das Medikament mag die Krankheit geheilt haben. Aber es hatte starke Nebenwirkungen.

Ist das ein Grund, stolz zu sein?

KonjunkturArbeitslosigkeit in Euro-Zone sinkt erstmals seit 2011

Die Arbeitslosigkeit in den EU-Krisenländern bleibt dramatisch hoch. Doch in der Euro-Zone insgesamt gibt es Anzeichen für eine Verbesserung der Wirtschaftslage.

31. Juli 201314:58 Uhr

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-07/arbeitslosigkeit-euro-zone-konjunktur

German economic strength: The secrets of success

By Richard Anderson Business reporter, BBC News

http://www.bbc.co.uk/news/business-18868704

Agenda 2010 Über das Ziel hinausgeschossen

Das grüne Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin war an der Agenda 2010 beteiligt. Heute sehen sie vieles kritisch.
Von Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin

http://www.zeit.de/2013/12/Goering-Eckhardt-Trittin-Agenda2010

EinzelhandelDie Kraftprobe

Amazon, Edeka, Karstadt: Viele Einzelhändler ignorieren Tarifverträge – und ruinieren ihren Ruf als Arbeitgeber. Von 

21. Juni 201308:55 Uhr

http://www.zeit.de/2013/25/einzelhandel-tarifvertraege-loehne

Frauen im Minijob – Motive und (Fehl-)Anreize für die Aufnahme geringfügiger Beschäftigung im Lebenslauf

Studie des Bundesministerium für Familie,Senioren, Frauen und Jugend

http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=193520.html

01.07.2013

Minijobs: Ein Klebstoff mit besonders starker Wirkung

Deutscher Frauenrat zur Untersuchung des DELTA-Instituts


Deutscher Frauenrat e.V.

Ein Minijob ist für verheiratete Frauen keine Brücke in den Arbeitsmarkt. Er ist der Arbeitsmarkt für sie. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Studie von Prof. Carsten Wippermann. Die Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, Hannelore Buls, hat sie sich vorgenommen und ausgewertet.

http://www.delta-sozialforschung.de/delta-milieus/news-sozialforschung-gender-lebensverlauf/aktuell/artikel/minijobs-ein-klebstoff-mit-besonders-starker-wirkung/

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RyanairHauptsache, billig

Der Erfolg der Fluggesellschaft Ryanair gründet auf Effizienz und auf Ausbeutung. Jetzt gerät das Geschäftsmodell in Gefahr.

Der Mann, der Europas Reisenden den Billigflug bescherte, ist selbst am liebsten zu Hause auf einem Bauernhof bei seinen vier Kindern. Um abends schneller heimzukommen, hat er eine Taxilizenz erworben. So darf er die Busspur nutzen. Das spart 20 Minuten auf den 100 Kilometern vom Flughafen Dublin zu seinem schlossähnlichen Anwesen Gigginstown. Ryanair-Chef Michael O’Leary genießt die ländliche Idylle.

Die mehr als 8.000 Mitarbeiter seiner Airline leben nicht nur weitaus weniger luxuriös. An manchen Tagen wird das Leben für sie bei Ryanair regelrecht zur Hölle. Etwa am 4. Juli. Um 12 Uhr versammeln sich in der Ryanair-Basis in Weeze am Niederrhein zwei Dutzend Piloten. Ihr Arbeitgeber hat eine Personalversammlung einberufen, die Einladung kam 24 Stunden zuvor per Intranet.

Der aus Dublin gesandte Manager kommt laut Schilderungen von Teilnehmern schnell zum Punkt: Für den Winter plane Ryanair mit 40 Piloten weniger am Standort. Für die Beschäftigten gebe es drei Optionen: unbezahlten Urlaub, Teilzeitarbeit, Standortwechsel. Wer sich nicht binnen einer Woche entscheide, werde gefeuert oder “überflüssig” gemacht. Memos oder andere Dokumente gebe es nicht zu der Sache. Die Neuigkeiten sollten sich mündlich verbreiten. Ryanair bestätigt, dass es eine Personalversammlung gab, äußert sich aber nicht zu Details.

Früher war O’Leary der Steuerberater des Airline-Gründers Tony Ryan

Ryanair steckt nicht in einer Krise, im Gegenteil. Im Geschäftsjahr bis Ende März verdiente das Unternehmen so viel Geld wie keine andere europäische Fluglinie. Der Gewinn nach Steuern betrug 569 Millionen Euro, der Umsatz knapp fünf Milliarden. Die Aktionäre sollen nun eine Milliarde Euro bekommen – in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen.

Es scheint, als sorgten sich nur andere um ihre Zukunft. Lufthansa oder Air France etwa, die Milliarden einsparen müssen. Ausgerechnet in Paris hat Ryanair 175 neue Boeing-Flugzeuge bestellt. Während die Passagierzahlen von Air Berlin schrumpfen, will Ryanair 2013 rund neun Millionen Passagiere in Deutschland transportieren, 80 Millionen in ganz Europa, mehr als jede andere Fluggesellschaft, und das mit einem stabilen Wachstum von drei Prozent.

Seit 20 Jahren steht O’Leary an der Spitze von Ryanair. Der inzwischen verstorbene Unternehmensgründer Tony Ryan förderte den Mann, der einmal sein Steuerberater und Vermögensverwalter gewesen war, und machte ihn zum Chef der Airline. Früher orientierte sich Ryanair an Aer Lingus und British Airways. “Es ging darum, möglichst hohe Preise zu verlangen”, sagt O’Leary heute.

Erst als Ryanair konsequent auf günstige Tarife setzte, kam der Erfolg, von dem besonders der Chef selbst profitiert. O’Leary gehören rund vier Prozent der Aktien, sein Vermögen beträgt heute mehr als 350 Millionen Euro. Ein Flugbegleiter verdient in seinem Unternehmen dagegen in manchen Wintermonaten nicht mehr als 900 Euro.

Bislang hat O’Leary mit geschicktem Marketing ein Unternehmensbild geschaffen, wonach Ryanair dank schneller Betriebsabläufe und einem Flugbetrieb abseits der großen, teuren Drehkreuze zur größten Fluggesellschaft Europas aufgestiegen sei. Tatsächlich sind die Erfolge von Ryanair aber auch das Ergebnis einer gnadenlosen Sparpolitik zulasten von Mitarbeitern und Steuerzahlern.

Nun gerät dieses Geschäftsmodell in Gefahr. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte setzen sich die Mitarbeiter zur Wehr und organisieren sich. Die Pilotengewerkschaften sind zuversichtlich, dass sich Flugkapitäne und -offiziere nun zusammentun und für weniger Arbeit und höhere Löhne streiken werden. Beim Kabinenpersonal ist die Stimmung ohnehin am Boden. Viele Mitarbeiter müssen höhere Sozialabgaben zahlen, weil neue europäische Regeln für Kabinenpersonal in Kraft traten. In Frankreich laufen deshalb Prozesse.

Hinzu kommt, dass die Zukunft der Regionalflughäfen, die für den Erfolg des Billigfliegers wichtig sind, ungewiss ist. Gerade haben die Brüsseler Wettbewerbshüter schärfere Vorgaben für Staatshilfen an diesen Flughäfen vorgestellt. Viele wären ohne Subventionen nicht überlebensfähig. Von Ryanair allein können sie kaum leben. Ryanair wiederum wird ohne subventionierte Flughäfen seine Kampfpreise kaum halten können. Indirekt kommen die Steuersubventionen also der Fluggesellschaft zugute.

O’Leary klingt bisweilen wie ein Diktator

Die größere Gefahr droht Michael O’Leary derzeit allerdings von dem gewachsenen Unmut der Mitarbeiter. Der könnte sich bald schon Bahn brechen. Im Tagungshotel Klostergarten in Kevelaer nahe Weeze trafen sich vorvergangene Woche 25 Piloten. Sie wollen etwas unternehmen gegen den unbezahlten Urlaub, die Teilzeitarbeit, den Standortwechsel, den das Management Anfang Juli erzwingen wollte. Die Ryanair Pilot Group (RPG), eine Initiative europäischer Pilotengewerkschaften, hat Berater geschickt. “Ich habe nichts mehr zu verlieren, ich will die Gewerkschaft”, sagt ein junger Pilot in Weeze.

Die RPG hat vor zwei Wochen ihren ersten Interimsrat gewählt. Nach Angaben der Organisation sind bereits mehr als 50 Prozent der rund 3500 Ryanair-Piloten Mitglied. Evert van Zwol, Vorsitzender des vorläufigen Führungsgremiums der RPG, sagt: “Unter den Piloten herrscht großer Enthusiasmus.” Konflikten mit Ryanair will er nicht aus dem Weg gehen: “Sollte das Management die RPG nicht als Verhandlungspartner akzeptieren, werden wir reagieren. Am Ende auch mit Streiks.”

Die Ryanair Pilot Group – eine Gewerkschaft für Ryanair? Für Michael O’Leary unvorstellbar. In einem Interview mit der ZEIT Ende Mai sagte er gar: “Die RPG existiert nicht.” Der Unternehmenschef hält ganz generell nichts von Gewerkschaften, weil “sie sich dem Wandel verweigern, selbst wenn der notwendig ist”, wie er meint.

O’Leary klingt bisweilen wie ein Diktator. Er selbst sieht sich eher als Menschheitsbeglücker. “Wir haben das Fliegen demokratisiert”, sagt er. Heute stiegen nicht mehr nur die Reichen ins Flugzeug, sondern auch die Schuhputzer aus dem Flughafenterminal. “Sie können sicher und pünktlich für 30, 40 Euro durch Europa fliegen und müssen nicht mehr 300 Euro zahlen”, sagt er.

Tatsächlich haben günstige Ticketpreise die Welt etwas verändert. Fernbeziehungen zwischen Rom und Köln sind einfacher geworden. Der Junggesellenabschied findet nicht mehr in der Nachbarkneipe, sondern auf Mallorca statt. Die eigene Ferienwohnung suchen sich Beamte nicht mehr nur an der Ostsee, sondern in ganz Europa.

Intern geht es deutlich weniger demokratisch zu. Für ein Gespräch mit der ZEIT in Dublin lässt der Ryanair-Chef fast die komplette Vorstandsspitze antreten. Einen einfachen Mitarbeiter in der Zentrale zu sprechen, das geht dagegen nicht. Wenn einer spreche, dann Mol, heißt es aus der Pressestelle. Mol, so nennen sie Michael O’Leary.

Der 52-Jährige, der als Kind eine Jesuitenschule besucht hat, erregt gerne Aufmerksamkeit, wenn es dem Unternehmen nützt. Einst kündigte er freie blow jobs in der Businessclass an, sollte sein Unternehmen einmal Langstreckenflüge anbieten. Spricht er über Konkurrenten, fällt häufig der Ausdruck fuck. Kein Gag ist O’Leary zu dämlich, solange er Ryanair ins Gespräch bringt. Immer wieder kolportiert er Geschichten über Toilettengebühren im Flugzeug und Zuschläge für Dicke.

Viele der Piloten arbeiten offiziell als Selbstständige

Um Aktionäre und Analysten zu ködern, setzt er gerne große Zahlen in die Welt. “Wir werden die Passagierzahlen in den nächsten Jahren auf 100 Millionen erhöhen”, kündigte er Ende Mai an. Drei Wochen später versprach er den Investoren sogar 110 Millionen. Für Fotos legt O’Leary sofort den Arm um jeden Gesprächspartner. Dabei hat dieser Mann, der gerne in Turnschuhen, Bluejeans und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln auftritt, wenig Freunde in seinem Job. Weder in der Branche noch in der Politik. Und schon gar nicht bei den Mitarbeitern.

“O’Leary ordnet der Rendite alles unter”, sagt der in Weeze stationierte Pilot Lars Christensen. Die Beschäftigten und ihre Familien müssten darunter leiden. Der junge Mann mit nordeuropäischen Wurzeln will nicht mit seinem wirklichen Namen in der Zeitung stehen. Er fürchte die umgehende Entlassung.

Christensen schildert, wie die Ausbeutung im Unternehmen funktioniert. Er ist nicht bei Ryanair angestellt, sondern über die Agentur Brookfield Aviation vermittelt. Ein Leiharbeiter, der kaum Rechte hat. Auch Brookfield Aviation hat ihn nicht eingestellt. Vielmehr wurde von ihm erwartet, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Dazu wurden ihm drei Steuerberater empfohlen, die mit Brookfield kooperieren. Nun ist er selbstständiger Unternehmer in Irland. Zum Schein hat er eine Sekretärin, Angestellte und weiteres Personal. Er hat diese Menschen aber nie gesehen. Alles was er tut, ist fliegen.

“Ich kann mir kaum vorstellen, dass das legal sein soll”, sagt Christensen. Womöglich hat er recht. In Koblenz ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits wegen Scheinselbstständigkeit gegen Piloten. Entsprechende Verfahren gegen Ryanair wurden allerdings eingestellt. Die Fluggesellschaft kommentiert dies nicht. Brookfield Aviation mag sich auch nicht näher äußern, sondern teilt nur mit, dass die Verträge geltendem EU-Recht entsprächen.

An den anderen der mehr als 50 Ryanair-Basen in Europa läuft es so oder ähnlich. Da gibt es zum Beispiel Karl Lewandowski. Der Pilot ist Mitte 30 und seit fünf Jahren direkt von Ryanair angestellt. Lewandowskis Eltern haben für ihren Sohn einen Kredit aufgenommen, damit der die Ausbildungskosten von 80.000 Euro bezahlen konnte. Er selbst zahlt heute für die Uniform, die Hemden und an Bord – wie jeder Passagier – drei Euro für den Kaffee.

Verspätungen kosten jeden Mitarbeiter bares Geld

Auch Lewandowski heißt in Wirklichkeit anders, auch er hat Angst vor Mol. Den nennt er ein “Genie ohne menschliche Gefühle”.

Der junge Pilot klagt über die Ungewissheit, die seinen Alltag prägt. Mit jedem Flugplan droht ihm ein Umzug zu einer anderen Basis. Über die Zahl seiner Flugstunden bestimmt das Management, dessen Willkür er sich ausgeliefert fühlt. Nur die Hälfte seines Gehalts ist fix. Vor jedem Flug arbeitet Lewandowski 15 bis 30 Minuten ohne Bezahlung, weil er früher kommt, als der Plan vorsieht. “Anders ist es aber nicht zu schaffen”, erklärt er, “denn in dieser Zeit muss ich Wetter und Flugplan analysieren, Informationen über das Verkehrsaufkommen sammeln und am Ende die Entscheidung treffen, wie viel Kerosin ich tanke.”

Der Druck auf die Piloten ist enorm. Auf das Kerosin entfällt die Hälfte der Kosten des Flugbetriebs – und O’Leary hasst Kosten. Damit die Piloten möglichst wenig Treibstoff an Bord haben, veröffentlicht Ryanair Tabellen, welche Piloten wenig verbrauchen und welche viel. Der Chefpilot von Ryanair schrieb 2010 eine E-Mail an die Piloten, die der ZEIT vorliegt. Darin heißt es: “Der Zweck der Tabelle ist, den Fokus auf unseren größten Kostenblock, das Kerosin, beizubehalten.”

“Wenn Ryanair uns nicht anerkennt, bummeln wir auf der Piste”

Ryanair hält sich dabei an die gesetzlichen Vorgaben. Jeder Pilot hat stets so viel Kerosin an Bord, dass der Sprit mindestens für eine halbe Stunde extra in der Luft reicht. Aber wehe, es passiert Unvorhergesehenes: Vergangenen Sommer mussten gleich drei Maschinen nach einem Unwetter in Spanien notlanden. “Bei schwierigen Wetterverhältnissen nimmt die Lufthansa sicher noch zwei Tonnen extra mit. Wir höchstens die Hälfte. Die Piloten fürchten sich, noch mehr zu tanken”, sagt Lewandowski. Immer wieder kam es zu Notlandungen, weil der Sprit nicht ausreichte.

O’Leary verteidigt die Verbrauchstabellen: “Wir wollen unsere Piloten dazu anhalten, eher langsam als schnell zu fliegen, denn das ist sicherer.” Erfahrene Piloten und Sicherheitsexperten halten diese Behauptung für “an den Haaren herbeigezogen”. Der Ryanair-Chef weist auch andere Vorwürfe von sich: “Wenn Piloten am Ende der Tabelle stehen, dann bekommen sie keine Verwarnungen.”

Lewandowski hingegen berichtet, dass Kollegen einen Brief bekamen, der “dann auch in der Personalakte landete”. Wem das öfter passiere, der habe keine Chancen, in der Hierarchie nach oben zu kommen. Es seien auch schon Kollegen zum Rapport nach Irland zitiert worden. Ryanair streitet all dies ab.

Unter den rund 3.500 Piloten sind die ersten und zweiten Offiziere fast komplett über Agenturen wie Brookfield angestellt. Sie erhalten nur eine variable Vergütung und kein Fixgehalt. Nur die Kapitäne haben in der Mehrzahl direkt mit Ryanair Arbeitsverträge geschlossen.

Vor wenigen Wochen ist Lewandowski in ein Hotel gefahren und hat sich mit Kollegen getroffen. “Wir werden uns organisieren”, sagt er. “Und wenn Ryanair uns nicht anerkennt, dann fliegen wir langsamer, wir bummeln auf der Piste, und am Ende werden wir streiken.”

Sollte es dazu kommen, kann O’Leary nicht weiter wirtschaften wie bisher. Personalchef Edward Wilson räumt offen ein: “Wenn die gleichen Arbeitsbedingungen, die unsere Wettbewerber mit Gewerkschaften ausgehandelt haben, auf uns übertragen würden, würde unser Geschäftsmodell nicht mehr funktionieren.” Bislang brüstet sich Ryanair damit, 80 Prozent weniger Personalkosten zu haben als easyJet. Die Personalkosten von Air Berlin sind – auf den Passagier bezogen – dreimal höher.

Jakob Schneider sorgt mit seinem Arbeitsvertrag dafür, dass dies so bleibt. Er ist ein hagerer Typ aus Osteuropa, keine 30 Jahre alt und Flugbegleiter an einem deutschen Standort von Ryanair. Seit Kurzem muss Schneider viel höhere Sozialabgaben zahlen, weil er wegen neuer gesetzlicher Regelungen dem deutschen Sozialversicherungsrecht unterliegt: “Mein Nettogehalt in guten Monaten ist von 2.000 Euro auf 1.500 Euro gesunken.” Er lässt sich nun von einem Anwalt beraten.

In anderen Ländern laufen bereits Verfahren gegen Ryanair. In Frankreich forderten Staatsanwälte die Konfiszierung von vier Flugzeugen, da Ryanair keine Sozialabgaben gezahlt hatte, in Norwegen klagten Flugbegleiter gegen ihre Arbeitsbedingungen.

Schneider (auch er will anonym bleiben) zeigt einen Arbeitsvertrag mit Crewlink. Über diese irische Agentur sind Tausende Ryanair-Flugbegleiter angestellt. Für die Ausbildung hat Schneider rund 3.000 Euro gezahlt. Zum Dank bekam er einen Knebelvertrag. Von heute auf morgen könnte Schneider von Bremen nach Dublin oder Charleroi versetzt werden. Ryanair kann ihn in einen unbezahlten Urlaub schicken – und macht davon in jedem Winter Gebrauch. “Es kam schon vor, dass ich 900 Euro im Monat verdient habe”, sagt Schneider. Bezahlt wird auch er vor allem variabel und nur für die Flugzeit.

Verspätungen kosten jeden Mitarbeiter bares Geld. Sollten die Passagiere trotz Kontrollen zu viele Gepäckstücke mit an Bord haben, kommt kaum ein Flugbegleiter auf die Idee, diese wieder ausladen zu lassen. Es wäre zwar sicherer, aber “es kostet Zeit”, sagt Schneider.

Deutsche sind Europas Sorgenmeister

Umfrage in elf Staaten: Deutsche sind Europas Sorgenmeister

Von Florian Diekmann

Gute Wirtschaftslage, niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Löhne – und doch sehen die Menschen nirgendwo mehr Probleme als in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer europaweiten Umfrage. Am wenigsten Sorgen machen sich die krisengeschüttelten Iren.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gfk-umfrage-in-elf-staaten-deutsche-sind-europas-sorgenmeister-a-909610.html

Nürnberg/Hamburg – Es scheint paradox. Die Arbeitslosigkeit ist im Dauertief, das Wachstum robust, selbst die Löhne steigen wieder spürbar – derzeit ist Deutschland der Neid seiner meist krisengeschüttelten Nachbarn sicher. Und doch fallen den Deutschen auf die Frage, welche Probleme in ihrem Land gerade dringend gelöst werden müssten, auf Anhieb mehr davon ein als allen anderen Europäern.

 

Das ist das Ergebnis einer Umfrage des GfK-Vereins, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Der Verein ist Miteigentümer der Gesellschaft für Konsumforschung und betreibt Grundlagenforschung. Mehr als 13.000 Menschen in elf europäischen Ländern wurden in diesem Februar für die regelmäßig durchgeführte Umfrage “Challenges of Europe 2013” befragt. Ihnen wurden keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben, sie konnten also spontan auf die offene Frage nach den in ihrem Land dringendsten Problemen antworten.

Die Rangliste der Sorgen unter Deutschlands Bürgern führt die Arbeitslosigkeit an. Danach folgen Inflation, wirtschaftliche Stabilität, Bildungspolitik und Rente/Altersvorsorge.

Ganz im Gegensatz zu den Deutschen scheinen die Iren dem Monthy-Python-Motto zu folgen: Always look on the bright side of life. Denn wo die Deutschen im Durchschnitt spontan 2,5 dringende Probleme nennen, die angepackt werden müssen, nennen die Iren nur 1,2 – ausgerechnet die Bewohner jenes Landes, das besonders schwer von der Schulden- und Bankenkrise getroffen wurde, in dem sich die Arbeitslosigkeit verdrei- und die Staatsschuldenquote vervierfacht haben, fallen im europäischen Vergleich am wenigsten Sorgen ein. Gemeinsam übrigens mit den Schweden, bei denen die Sorglosigkeit angesichts einer erfreulichen Wirtschaftslage allerdings auch um einiges begründeter erscheint.

Statt mit Monthy Python halten es die Deutschen lieber mit Udo Lindenberg: “Denk’ an Krise und Inflation – sonst landest du später bei der Bahnhofsmission.” Doch obwohl die Deutschen Europas Sorgenmeister sind, hat sie die wirtschaftlich gute Lage in der Bundesrepublik verglichen mit früheren Jahren insgesamt doch weitaus sorgenfreier werden lassen. Und wenn sie Probleme ausnahmsweise als dringender einschätzen als früher, beweisen sie doch durchaus Sinn für die veränderte Realität in Deutschland.

Nur Russen machen sich mehr Sorgen um Inflation

So bleibt zwar die Arbeitslosigkeit die Sorge Nummer eins, aber mit 32 Prozent der Befragten bedrückt sie nun nicht einmal mehr jeden dritten Deutschen stark. Das sind so wenige wie noch nie seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990. Vor sieben Jahren sah das noch ganz anders aus. Im Jahr 2006 sagten 80 Prozent der Deutschen spontan, das Problem der Arbeitslosigkeit müsse dringend gelöst werden. (Weitere Entwicklungen im Zeitverlauf finden Sie in dieser Grafikstrecke.)

In den Krisenstaaten der Euro-Zone hingegen hält durchweg eine absolute Mehrheit die Arbeitslosigkeit für eines der dringendsten Probleme ihres Landes. Besonders ausgeprägt ist die Sorge in Spanien, wo sie 72 Prozent der Befragten nennen, auch in Frankreich ist der Anteil mit 69 Prozent kaum kleiner. In Irland wiederum, wo die Quote der Jobsuchenden sich in den vergangenen Jahren mehr als verdreifacht hat, nennen nur 20 Prozent die Arbeitslosigkeit als dringendes Thema. Auch wenn man jene 25 Prozent dazuzählt, die angeben, die Sicherung der Beschäftigten mache ihnen Sorgen, erscheinen die Iren trotz schwieriger Lage ziemlich unbeschwert.

Mit 29 Prozent Nennungen nahm die Inflation den zweiten Platz im deutschen Sorgen-Ranking ein. Das sind drei Prozentpunkte mehr als noch im vergangenen Jahr – ein Anstieg, der angesichts von dauerhaften Mickerzinsen und der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nachvollziehbar ist. Nur die Russen machen sich mit 31 Prozent noch mehr Sorgen um die Entwicklung ihrer Kaufkraft. In Österreich hingegen, dessen Lage in der Euro-Krise der Deutschlands ziemlich genau entspricht, halten nur 13 Prozent die Inflation für ein dringendes Problem.

Französische Gelassenheit

Die Sorge der Deutschen um wirtschaftliche Stabilität ist hingegen deutlich kleiner geworden, auch wenn sie den dritten Platz im deutschen Sorgenranking belegt – nur noch 16 Prozent nannten sie, im Vorjahr waren es noch 24 Prozent, im Rezessionsjahr 2009 gar 36 Prozent.

Erstaunlich hingegen ist die Sorglosigkeit der Franzosen bei diesem Thema: Trotz des Verlusts des Triple-A-Ratings und der eindringlichen Mahnung etwa des IWF zu Reformen sehen nur 14 Prozent von ihnen die wirtschaftliche Stabilität ihres Landes in Gefahr. Und auch die Iren, die mitten in einem gewaltigen Strukturwandel stecken, sind mit 18 Prozent kaum mehr darum besorgt als die Deutschen.

Eher grotesk mutet es allerdings an, dass die Bewohner eines Landes wie Irland, dessen Staatverschuldung von etwa 25 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2007 auf zuletzt rund 120 Prozent emporschnellte, dies offenbar kaum als Problem sehen. Nur sechs Prozent der Iren fielen die Staatsfinanzen als eines der Probleme ein, die dringend zu lösen seien. Im Gegensatz dazu findet jeder zehnte Deutsche, dieses Thema solle mit Nachdruck angepackt werden – auch wenn Deutschland zur Zeit sogar Überschüsse erwirtschaftet.

Eine neue Sorge

Wie stark sich gesellschaftliche Veränderungen in den Sorgen der Deutschen niederschlagen, machen zwei bemerkenswerte Entwicklungen deutlich: Armut schien in Deutschland zumindest in der Wahrnehmung der Bürger lange gar nicht zu existieren – bis im Jahr 2005 Hartz IV eingeführt wurde. Damals taucht Armut zum ersten Mal im GfK-Sorgenranking auf, immerhin zwei Prozent der Befragten nannten sie. Inzwischen sorgt Armut 13 Prozent der Bundesbürger, das macht sie zum sechstdringendsten Problem des Landes.

Umgekehrt lief es bei Zuwanderung und Integration. Als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jedes Jahr Hunderttausende Menschen in Deutschland Asyl beantragten, schnellte die Sorge darum in die Höhe – 1992 nannten sie 68 Prozent der Befragten. Dann wurde das Asylrecht eingeschränkt, der Flüchtlingsstrom ebbte ab, die Sorgen um die Integration ebenso. Heute fällt sie nur noch acht Prozent der Deutschen als Problem ein.

Nicht schlecht für ein Land, dem der “Economist” jüngst eine Zukunft als moderner Schmelztigel Europas vorhersagte.

Deutschland-Analyse des “Economist”: Vormacht ohne Mumm

Deutschland ist unangefochtene Vormacht in Europa – aber das Land will die Rolle bisher nicht annehmen. So sieht es der “Economist”, das einflussreichste Wirtschaftsmagazin der Welt in einem Länderreport. Die Prognose der Briten ist überraschend optimistisch.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/economist-zeichnet-deutschland-als-europas-hegemon-wider-willen-a-905516.html

Der deutsche Schuldenberg ist auf Dauer untragbar

Der deutsche Schuldenberg ist auf Dauer untragbar

20.05.2013 ·  Verglichen mit der düsteren Finanzlage vieler Euroländer erscheinen Deutschlands Staatsfinanzen günstig. Doch eine Studie zeigt: Die Schuldenquote von über 80 Prozent ist so hoch wie noch nie in Friedenszeiten.

Von Philip Plickert

Infografik / Deutschlands Staatsschulden seit 1850
ine neue Studie von drei Ökonomen des Walter-Eucken-Instituts in Freiburg unter Leitung des Wirtschaftsweisen Lars Feld kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschlands Staatsfinanzen schon seit Jahrzehnten nicht mehr nachhaltig sind und dringend konsolidiert werden müssen.Interessant ist die Untersuchung, weil sie erstmals eine statistische Datenbasis über einen Zeitraum von mehr als 150 Jahren zusammengetragen hat. Vor der Reichsgründung im Jahr 1871 waren die Schuldenquoten der Länder zusammen mit etwa 30 Prozent des BIP gering. Die Reichseinigung 1871 und die französischen Reparationszahlungen lösten einen Boom aus („Gründerzeit“). Es kam aber zu einer Überhitzung, einer Verdoppelung der Börsenkurse und 1873 einem Crash („Gründerkrach“).

Die Staatsfinanzen waren noch immer sehr dezentral organisiert. Zwischen den Ländern gab es Steuerwettbewerb, sie konnten weitgehend autonom über die Steuersätze entscheiden. Nach Ansicht der Forscher trug dieser fiskalische Dezentralismus dazu bei, dass die Einnahmen und Ausgaben des Reichs gezügelt wurden. Ausgabentreiber waren die Bismarck’sche Sozialgesetzgebung, die Kolonien sowie der Flottenbau und die Aufrüstung. Zunehmend wurde die Fiskalverfassung zentralisiert.

Studie warnt: Die Schuldenbremse ist unvollständig

Mit dem Krieg brach der Goldstandard. Die Regierung nutzte die Reichsbank zur monetären Staats- und Kriegsfinanzierung. 1918 erreichte die Schuldenquote mit 133 Prozent den Höhepunkt. Der Schuldenberg wurde indes durch die Inflation weggeschmolzen, nachdem die Reichsbank immer mehr Staatsanleihen diskontierte und die Geldmenge aufblähte. Die Währungsreform 1923 radierte die Schuld fast komplett aus – umgekehrt verloren Gläubiger fast alles.

Auch die nationalsozialistische Kriegsfinanzierung basierte zum größten Teil auf dem Einsatz der Notenpresse, während Preise und Löhne per Gesetz eingefroren wurden, um offene Inflation zu unterdrücken. Dafür wurden immer mehr Güter rationiert. 1944 überstieg die Schuldenquote 240 Prozent des BIP. Nach dem Krieg radierte 1948 abermals eine Währungsreform die Schulden aus und beseitigte den Geldüberhang.

Hohe Wachstumsraten in den fünfziger und frühen sechziger Jahren brachten stark steigende Staatseinnahmen, die Schuldenquote betrug nur etwa 20 Prozent des BIP. Doch seit den späten sechziger Jahren gab es einen Paradigmenwechsel in der Finanzpolitik hin zu einer keynesianischen Nachfragesteuerung, die bewusst Defizite in Kauf nahm. Einen starken Anstieg der Verschuldung von 40 auf 60 Prozent brachte die Wiedervereinigung. In der jüngsten Krise sprang sie nun erstmals über 80 Prozent. Verschiedene ökonometrische Tests führen die Forscher zu dem Schluss, dass die Staatsfinanzen schon seit längerem nicht mehr nachhaltig sind.

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Es sei kaum denkbar, dass Deutschland aus diesen Schulden jemals wieder herauswachsen werde. Die Schuldenbremse, die von 2016 (Bund) und 2020 (Länder) an greifen soll, sei unvollständig, warnen sie. Um die Länder wieder auf einen vernünftigeren Weg zu führen, sollten sie mehr Eigenverantwortung für ihre Finanzen übernehmen. Mehr Steuerwettbewerb und -autonomie könnten die Lösung sein.

Trotz Rezession zuhause: Beide spanischen Großbanken erzielen Milliardengewinn

Trotz Rezession zuhause Beide spanischen Großbanken erzielen Milliardengewinn

To match Insight BANKS-COSTS/ASIA

26.04.2013 ·  Das Geldhaus BBVA machte im ersten Vierteljahr 1,7 Milliarden Euro Gewinn. Allerdings läuft das Geschäft zuhause in Spanien wegen der Rezession schlechter – dafür in Mexiko umso besser.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/trotz-rezession-zuhause-beide-spanischen-grossbanken-erzielen-milliardengewinn-12163143.html

ie spanische Großbank BBVA hat den Branchenprimus Santander zu Jahresbeginn abgehängt. Die zweitgrößte Bank der Landes teilte am Freitag mit, dank Sondererlösen aus Verkäufen in Lateinamerika den Nettogewinn um fast drei Viertel auf 1,73 Milliarden Euro gesteigert zu haben.

Anders als Santander verdiente BBVA auch im klassischen Kreditgeschäft mehr Geld, das in Spanien wegen der andauernden Rezession und der Rekordarbeitslosigkeit eigentlich sehr schwierig ist: Der Zinsüberschuss erhöhte sich im ersten Quartal 2013 um knapp ein Prozent. Hier halfen gute Zahlen aus Mexiko, dem wichtigsten BBVA-Markt auf dem amerikanischen Kontinent. In Spanien lief das Geschäft dagegen deutlich schlechter.

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Die größte spanische Bank Santander meldete am Donnerstag zwar einen Gewinn von immerhin 1,2 Milliarden Euro für das erste Jahresviertel – verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum war das aber ein Rückgang um rund 26 Prozent. Die größte Bank der Währungsunion kämpft mit Problemen in Brasilien und Großbritannien. Außerdem steigt – wie bei vielen anderen spanischen Banken auch – der Anteil der faulen Kredite an ihrem Gesamtportfolio. Die meisten spanischen Institute konnten sich zuletzt aber zumindest in der Gewinnzone halten.

Quelle: FAZ.NET/Reuters

Geldpolitik Die Schere im Süden

25.04.2013 ·  Der negative Realzins vernichtet das Kapital der Sparer. Für Deutschland müsste die Zentralbank eigentlich ihren Leitzins erhöhen. Doch nur mit niedrigen Zinsen komme Südeuropa aus der Krise, sagen viele. Stimmt das?

Von Holger Steltzner

Die Europäische Zentralbank steckt in der Zwickmühle. Da hat Bundeskanzlerin Merkel recht. Für Deutschland müsste die Zentralbank eigentlich ihren Leitzins erhöhen. Denn der negative Realzins vernichtet Kapital. Die Entschuldung von hochverschuldeten Eurostaaten erleben Millionen Sparer als „kalte Enteignung“, da die Zinsen Monat für Monat geringer sind als die Inflation, wie Sparkassenpräsident Fahrenschon feststellte. Wie will man da für eine auskömmliche Rente ansparen? Dabei wären höhere Rücklagen fürs Alter dringend nötig, denn neben den Vermögen sind auch die Rentenansprüche in Deutschland nicht so hoch, wie von Frau Merkel vermutet. In Tat und Wahrheit liegen heimische Renten im europäischen Vergleich ebenfalls unter dem Durchschnitt.Für andere Länder müsste die EZB eigentlich noch mehr tun, sagte Frau Merkel auf dem Sparkassentag. Warum? Alle Geldschleusen sind offen, Banken und Märkte mit Liquidität überflutet. Mehr kann die Zentralbank nicht tun; sie kann Unternehmen ja nicht zwingen, zu investieren. Glaubt jemand daran, dass noch eine kleine Leitzinssenkung von 0,75 auf 0,5 Prozent den Aufschwung nach Südeuropa bringen wird? Es wäre mit Blick auf die Forderung mancher Krisenstaaten nach Finanzierung durch die EZB besser, die Bundesregierung bliebe ihrer Linie treu, die Geldpolitik der EZB nicht zu kommentieren.Die unterschiedlichen Finanzierungsbedingungen in den Eurostaaten sind nicht die Ursache der Krise, sondern ihr Symptom. Darin drückt sich die Spaltung der Währungsunion aus, in einen wachsenden Norden und einen schrumpfenden Süden. Länder wie Deutschland sind wettbewerbsfähig und kostengünstig. In anderen sind die Lohnkosten zu hoch und die Produktivität zu niedrig. Seit dem Start der Währungsunion entwickeln sich Defizit- und Überschussländer wirtschaftlich immer weiter auseinander. Im Vergleich zu Deutschland stiegen in Frankreich die Löhne doppelt so stark, in Italien blieb obendrein die Produktivität fast stehen. Als Folge dieser Politik kommt es zu den traurigen Arbeitslosenrekorden im Süden. Die Lösung kann nicht sein, dass nun gesunde Länder mehr ausgeben. Die Schere zwischen Lohn und Produktivität muss dort geschlossen werden, wo Strukturreformen ausgeblieben und Kosten aus dem Ruder gelaufen sind.

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DIE ZEIT:

Euro-RettungBundesbank stellt Geldpolitik der EZB infrage

Offiziell äußert sich Bundesbank-Präsident Weidmann diplomatisch zu Europas Krisenpolitik. In einem internen Papier jedoch geht seine Bank mit der EZB hart ins Gericht

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-04/bundesbank-ezb-kritik-euro-rettung

HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

HochschulwatchInternetportal will Wirtschaftseinfluss an Unis aufdecken

http://www.zeit.de/studium/hochschule/2013-01/hochschulwatch-internetportal-wirtschaft

hochschulwatch

Welche Verbindungen gibt es zwischen Wirtschaft und Wissenschaft? Ein neues Internetportal will das herausfinden.

Eine neue Internetseite will Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft öffentlich machen. Auf Hochschulwatch.de sollen Professoren, Dozenten und Studenten über  Beispiele berichten, die ihnen fragwürdig erscheinen. Nutzer können eigene Texte schreiben und Dokumente hochladen.

Initiiert wurde die Seite von der Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland, dem Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (FZS) und der Tageszeitung taz. Die taz prüft Einträge, bevor sie öffentlich gemacht werden. “Wir haben die Sorge, dass (…) Wirtschaftsinteressen immer mehr Einfluss nehmen auf das, was an den Hochschulen im Bereich von Lehre und Forschung stattfindet”, sagte die Vorsitzende von Transparency International Deutschland, Edda Müller, bei der Vorstellung des Projekts.

Müller kritisiert, Kooperationsverträge zwischen Unternehmen und Universitäten müssten nicht veröffentlicht werden. Daher sei unklar, ob die Hochschulen den Unternehmen für ihr Geld Gegenleistungen einräumten. Sie befürchtet, Unternehmen könnten die Auswahl von Professoren oder die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen beeinflussen. “Der Zweck heiligt nicht die Mittel, Universitäten sind keine Werbeflächen”, sagt sie.

Studenten bemängeln zunehmende Zahl von Werbeflächen

Unternehmen entdeckten Hochschulen zunehmend als Markt, sagt auch Student Erik Marquardt, Vorstand des FZS. “Man kommt sozusagen gar nicht mehr zur Mensa, ohne auch mindestens ein Angebot für ein neues Sparkonto oder einen Handyvertrag zu bekommen.”

Als Beispiel für fragwürdigen Wirtschaftseinfluss nennt Hochschulwatch eine Stiftungsprofessur für Energiewirtschaft der Universität Köln, die von den Energiekonzernen EnBW, Vattenfall, RWE und E.on bezahlt werde. Die Hochschule reagiert gelassen auf den Start der Internetseite: “Wir finden gut, was Transparenz schafft. Auch wenn die Schlüsse des Portals andere sind als unsere”, sagte ein Sprecher Universität Köln auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Rechtliche Folgen befürchte die Universität nicht. Weiter erwähnt Hochschulwatch das Institut für Internet und Gesellschaft der Humboldt-Universität Berlin, das von Google mitfinanziert wird. Eine Sprecherin der Universität teilte mit: “Wissenschaftliche Kooperationsprojekte mit privaten Unternehmen und Verbänden unterliegen immer der Maßgabe des Präsidiums, damit die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre und die Autonomie der Universität gewahrt wird.”

Auf der Webseite sind über 400 Hochschulen aufgelistet. Das Projekt ist auf ein Jahr begrenzt. Transparency International Deutschland will die Hinweise im Anschluss auswerten.

Hinweis: Der Text wurde im Nachhinein um ein Statement der Humboldt-Universität Berlin ergänzt. Die Redaktion.

http://www.lobbycontrol.de/2013/01/hochschulwatch-neues-portal-will-fragwurdige-verbindungen-von-wirtschaft-und-wissenschaft-aufdecken/

LobbyControl Hochschulwatch:

Neues Portal will Verbindungen von

Wirtschaft und Wissenschaft aufdecken

Seit 2008 gibt es eine Kooperation zwischen der Universität Köln und dem Pharmakonzern Bayer. Wie diese Zusammenarbeit im Detail aussieht, ist jedoch unbekannt, da der Kooperationsvertrag geheim ist. Die Frage nach möglicher Einflussnahme durch Bayer kann somit nicht beantwortet werden. Eine Klage zur Offenlegung des Vertrags wurde Ende 2012 in erster Instanz abgelehnt. Der Kläger, der Verein Coordination gegen Bayer-Gefahren, hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt.

Kooperationsverträge wie diese sind bei weitem kein Einzelfall. Drittmittel aus der Privatwirtschaft haben in den letzten Jahren für Universitäten an Bedeutung gewonnen. Das neue Internetportal Hochschulwatch hat sich daher zum Ziel gesetzt, Beispiele für fragwürdige Einflussnahme an Universitäten und Fachhochschulen zu sammeln. So soll ein Nachschlagewerk über die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft entstehen. Für jede Hochschule gibt es einen Wiki-Eintrag. Die Leserinnen und Leser sind aufgefordert, ihr Wissen über Kooperationen dem Portal hinzuzufügen.

Das von Taz, dem freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS) und Transparency International (TI) gegründete Portal reagiert damit auf die zunehmende Ökonomisierung der Bildung. Besonders die Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen sind dabei sehr intransparent. Veröffentlichungspflichten gibt es nicht. Dabei haben Lobbyisten Schulen und Hochschulen längst als Handlungsfeld für ihre erweiterte Lobbyarbeit entdeckt. Forschung und Lehre werden zunehmend mit dem Ziel beeinflusst, möglichst tiefgreifend und somit nachhaltig einzelne Sichtweisen in der Gesellschaft zu verankern. Mehr Transparenz ist daher dringend nötig. Wir sind gespannt, was für Fälle fragwürdiger Einflussnahme Hochschulwatch in diesem Jahr ans Licht holen wird.

Weitere Informationen: www.hochschulwatch.de

transparency.de :
http://transparency.de/index.php?id=1434&tx_ttnews%5Btt_news%5D=12699&cHash=ca82d06143a0e7f128a2bdec89dcb966

Ein Gespräch mit George Soros Das wichtigste Thema überhaupt

Ein Gespräch mit George Soros Das wichtigste Thema überhaupt

14.04.2013 ·  Der legendäre Investor, Philanthrop und mit Sicherheit reichste Philosoph der Welt, George Soros, spricht über die Krise Europas, Angela Merkel und sein Leben als Milliardär.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/europas-zukunft/ein-gespraech-mit-george-soros-das-wichtigste-thema-ueberhaupt-12147686.html

George Soros stellt Buch zur Finanzkrise vor

„Wenn ich die deutsche Öffentlichkeit wachrütteln könnte, dann wäre das der krönende Abschluss meines Lebenswerks“: George Soros

Sie haben diese Woche in Frankfurt in einer Rede dargelegt, wie der Euro zu retten sei. Ihre Analyse ist sehr klar: Entweder Deutschland lässt Eurobonds zu – oder es tritt aus der Eurozone aus. Wie sicher sind Sie, dass Sie recht haben?

Es ist Teil meiner Philosophie, dass ich mich irren könnte. Das gilt natürlich auch hier. Aber mit meiner Erfahrung im Finanzwesen und mit allem, was der Krise voranging und für sie verantwortlich war, bin ich mir meiner Meinung so sicher, wie ich nur sein kann.

Allerdings haben Sie in der Vergangenheit schon Voraussagen gemacht, die dann nicht eingetroffen sind.

Das ist mir vollkommen bewusst.

In Frankfurt wurde sofort heftig diskutiert: Eurobonds würden die Zinsen in Deutschland hochschnellen lassen, niemand könne garantieren, dass einzelne Länder nicht wieder betrügen würden und so weiter. Sie schienen über diese Einwände hoch erfreut.

Ich brenne regelrecht darauf, über diese Fragen eine Diskussion zu führen, denn ich finde, dass die deutsche Öffentlichkeit in Vorurteilen und Fehleinschätzungen gefangen ist. Ich kann verstehen, wie es dazu gekommen ist. Aber der einzige Weg, das zu korrigieren, ist, eine Diskussion anzuregen.

Der eigentliche Adressat Ihrer Rede war natürlich Angela Merkel, die allerdings nicht anwesend war. Haben Sie denn Anlass zu dem Glauben, etwas, das Sie sagen, könnte auf die deutsche Bundeskanzlerin Eindruck machen?

Nein. Und ich hatte, ehrlich gesagt, auch nicht das Gefühl, dass ich durch meinen Vortrag die Auffassung derjenigen verändert habe, die in den Kreisen um die Bundesbank das Sagen haben.

Und doch werden Sie weltweit von vielen als eine Art Orakel gesehen – was immer Sie sagen, verkaufen oder kaufen, erschüttert die Märkte. Mögen Sie diese Rolle eigentlich?

Nein. In der Tat hat sie mir unmöglich gemacht, weiterhin als Investor tätig zu sein. Deshalb habe ich mich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen, denn es ist zu kompliziert, Investor und Orakel zu sein. (Lacht nicht.) Mir selbst ist bewusst, dass ich mich irren kann, ich weiß sogar, dass ich mich von Zeit zu Zeit irren muss – aber die Leute, die auf mich hören, wissen das nicht. Oder denken das zumindest nicht mit. Und es ist auch schwierig, Interessenskonflikte zu vermeiden. Wenn ich innerhalb des Marktes noch eine Position hätte, wäre es schwierig für mich, über eine Situation zu sprechen, ohne miteinzukalkulieren, wie das die Märkte beeinflussen wird.

Wie sehr in Rente sind Sie eigentlich? Haben Sie nicht gerade erst mehr als die Hälfte Ihres Goldes verkauft und damit den Goldpreis zum Fallen gebracht?

Das war nicht ich. Ich habe ein Team, das so etwas managt. Es ist zwar mein Geld, aber die managen das.

Wenn ich also im Wirtschaftsteil lese, dass George Soros den japanischen Yen geschwächt hat, wie eben geschehen, oder den Wert des Goldes – das sind dann nie Sie? Sie sind einfach Rentner?

Im Fall des Yen, um absolut offen zu sein, habe ich Einfluss darauf genommen, was meine Firma unternimmt. Denn das betrifft eine sehr wichtige Entwicklung, die mit anderen Entwicklungen zu tun hat, und ich glaubte, da etwas verstanden zu haben, was andere nicht verstanden haben.

Aber mit dem sinkenden Goldpreis hatten Sie persönlich jetzt gar nichts zu tun.

Gut. In diesem anderen Fall war ich auch involviert. Aber das waren zwei Ausnahmen, normalerweise mische ich mich ins Tagesgeschäft sonst nicht ein.

Sie sind so eine interessante Figur – niemand scheint genau zu wissen, ob Sie eigentlich ein fieser Ultrakapitalist sind oder ein Wohltäter der Menschheit. Sie haben Milliarden mit Spekulationen und Wetten gegen Währungen gemacht – und: Sie haben Milliarden gespendet. Was sind Sie nun eigentlich – gut oder böse?

Ich glaube, in unterschiedlichen Phasen meines Lebens habe ich unterschiedliche Rollen gespielt. Als Marktteilnehmer war es meine Rolle, Geld zu machen. Ich wurde von Investoren angestellt, um für sie zu investieren. Nachdem ich dann viel Geld für andere und auch für mich selbst gemacht hatte, habe ich innerhalb meiner Entwicklung eine andere Stufe erreicht. Von da an konnte ich dann meiner eigentlichen Leidenschaft nachgehen: die Welt zu verbessern.

Und was macht mehr Spaß: eine Milliarde zu verdienen oder eine Milliarde zu verschenken?

Letzteres bedeutet mir sehr viel mehr. Für mich steht meine eigene voreingenommene und subjektive Vorstellung davon, was für die Welt gut ist, weit über allem, was dazu dient, Geld zu machen. Ich bin vielleicht nicht der Einzige auf der Welt, der das so macht, aber auf jeden Fall einer von sehr wenigen. Schauen Sie zum Beispiel, wie Bill Gates sich verändert hat. Als Chef von Microsoft war er ein beinharter Wettbewerbsteilnehmer, und er hat das tatsächlich etwas übertrieben stolz zur Schau gestellt. Und weil er so ein schlechtes Image hatte, hat man ihn dazu überredet, eine Stiftung zu gründen. Und heute kümmert er sich nur noch um seine Stiftung, und seine gesamte Weltsicht hat sich total verändert.

Ihr Vermögen wird auf mehr als 22 Milliarden Dollar geschätzt: Was bedeutet Ihnen Geld?

Freiheit. Es ist mir bewusst, dass Geld auch Macht bedeutet, das ignoriere ich nicht. Aber es erlaubt mir, meiner Leidenschaft nachzugehen, die aus zwei Teilen besteht: die Wirklichkeit zu verstehen – und dieses Verständnis dann aufzugeben, um die Wirklichkeit zu verbessern. Ich glaube, in seiner Jugend ist fast jeder Mensch von dem Wunsch beseelt, die Welt zum Guten zu verändern, aber ich habe das Privileg, diesem Wunsch nun wirklich nachzugehen.

Ihr Vater, ein Rechtsanwalt und Schriftsteller, war während des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Als er zurückkehrte, beschloss er, sein Leben zu ändern. Er wollte es möglichst genießen und nur noch so viel arbeiten, dass das Geld eben so reicht.

Für ihn war Geld so etwas wie Gepäck. Besser hat man leichtes.

Sie haben den entgegengesetzten Weg eingeschlagen.

Aber ich mache mir nichts aus Geld. Sonst würde ich es ja nicht weggeben. (Lacht, aber nett.)

Als Sie noch Investor waren: Was hat Sie angetrieben, wenn nicht Geld?

Zuerst bin ich aus reiner Notwendigkeit in die Welt des Geldes geraten. Denn wenn Sie gar kein Geld haben, ist Geld etwas, ohne dass es nicht geht. Ich hatte damals einen Plan. Heute klingt der ein bisschen lächerlich, aber damals war ich Student in London. Ich habe an der Börse angefangen und dann beschlossen, nach Amerika zu gehen, weil ich dachte, dass ich dort leichter etwas Geld machen könnte als in England. Das war natürlich, noch bevor London das Zentrum des Finanzmarktes wurde. Es war ein Fünf-Jahres-Plan: nach Amerika gehen, 100.000 Dollar machen – und das wäre genug Einkommen, um davon als Philosoph einigermaßen zu leben.

Und dann ging der schöne Plan so schief…

Ich habe etwas overperformed…Ich habe mehr als 100.000 Dollar gemacht, und irgendwie wurde ich in die Welt der Finanzen hineingezogen, denn die Finanzmärkte stellten sich als wundervolles Versuchslabor heraus, um meine philosophischen Ideen in der Praxis zu testen.

Im September 1992 haben Sie auf die Abwertung des britischen Pfunds gewettet. Sie haben damit eine Milliarde Dollar verdient und den Mythos der britischen Zentralbank ruiniert. Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals gefeiert haben?

Nein, denn das war gar nicht so außergewöhnlich. Es war einfach nur etwas größer und dramatischer als sonst, aber es war nichts anderes, als was ich damals eben gemacht habe. Ich weiß gerade nicht mal, ob 1992 insgesamt so ein besonders gutes Jahr war. (Lacht.)

Warum wetten Sie nicht gegen den Euro?

Zuerst mal: Was ich über die Europäische Union denke, die eines Tages auseinanderbricht, betrifft nicht die Währung, wie sie heute ist. Es wäre nicht zwingend eine gute Wette, sagen wir so. Und zweitens, ich wette ja nicht mehr.

Heute die Bank of England, morgen die ganze Welt: Hat es sich für Sie angefühlt wie ein Spiel? Wie Monopoly?

Es war ein Spiel. Ich habe es wie ein Spiel gespielt, genau so war es. Aber dann wurde es doch ziemlich ernst, denn ich ging ziemlich ernste Risiken ein. Einen Hedgefonds zu leiten, stellte sich als extrem anstrengend heraus. Das ging so weit, dass ich eines Tages glaubte, ich hätte einen Herzinfarkt. So angespannt war ich. Ich weiß noch genau, wo und wann das passiert ist. Ich dachte, das war es jetzt. Und ich dachte, wenn ich jetzt sterbe, hab’ ich das Spiel verloren. Und das hat mich letztlich dazu gebracht, eine Stiftung zu gründen. 1979 war das. Und das wiederum hat mir dann die Motivation geliefert, weiterzuspielen. Damals war ich nicht so reich. Ich hatte vielleicht 30 Millionen Dollar…

Na ja . . .

Das ist natürlich viel Geld. Jedenfalls war es genug für mich. Ich brauchte nicht mehr. Aber als ich dann die Stiftung hatte, ergab es Sinn, doch noch mehr zu verdienen. Und ich fand, dass es der Entwicklung meiner Philosophie half, im Markt aktiv zu sein. Das half mir, mich in meinen Gedanken nicht zu verzetteln. Es hielt mich in Kontakt mit der Realität.

Sie haben sich lange als verkannter Philosoph gefühlt. Einmal hielten Sie einen Vortrag mit dem Titel: „Ein gescheiterter Philosoph versucht es mal wieder“.

Ich habe lange geglaubt, dass meine Philosophie vielleicht eher ein persönliches Wertesystem war, das mich gut gelenkt hat – aber da sonst niemand darauf einging, hatte ich Zweifel, ob es tatsächlich einen Beitrag zum Verständnis auch von anderen leisten konnte. Seit der Finanzkrise von 2007/2008 habe ich etwas mehr Selbstvertrauen. Denn plötzlich änderten sich die Reaktionen, die ich bekam. Zum Beispiel sagte Mervyn King, der Gouverneur der Bank of England, im Jahr 2000, Soros ist ein netter Mann mit interessanten Ideen, aber seine Philosophie ist bedeutungslos. Nach 2008 gab er zu, dass er sich geirrt hatte. Er sagte, möglicherweise hätte ich doch recht. Er ist in meinem Ansehen sehr gestiegen. (Lacht.) Ich glaube, dass mein konzeptioneller Rahmen von Fehlbarkeit, Reflexivität und menschlichem Unbestimmtheitsprinzip tatsächlich etwas zu unserem Verständnis der Welt beitragen kann. Ich habe ein Buch geschrieben, das ein guter Beitrag sein könnte: „The Age of Fallibility“. Ich sollte es selbst mal wieder lesen, ich habe vergessen, was darin steht. (Lacht.)

Sie haben die deutsche Besatzung in Budapest mit falschen Papieren überlebt. Sie waren damals 14 Jahre alt – wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?

Für die meisten Menschen war diese Zeit eine unglaublich schreckliche Erfahrung, sehr viele wurden ermordet – aber für mich ist es eine positive Erinnerung, auch wenn mir bewusst ist, wie seltsam das klingt. Denn nicht nur haben wir als Familie überlebt, wir waren auch in der Lage, anderen zu helfen. Indem wir uns mit der harten Realität konfrontierten, konnten wir die Gefahren tatsächlich überwinden, und das war eine wichtige Lektion für mich: harte Realitäten immer direkt anzugehen. Genau das versuche ich auch in Hinblick auf die Eurokrise. Es gibt eine allgemeine Tendenz, sie herunterzuspielen, Entschuldigungen zu finden oder zu behaupten, wenn das Schlimmste erst mal geschafft sei, werde alles wieder gut. Ich dagegen neige dazu, einen negativen Ausgang überzubetonen – um mich darauf einzustellen, bereit zu sein. Und: einen positiven Ausgang zu finden. Ich denke Konflikte gerne bis zu ihrem logischen Schluss, während man üblicherweise lieber kurz davor haltmacht und nach einem Kompromiss sucht.

Halten Sie Angela Merkel für eine schlechte Politikerin?

Keineswegs. Sie ist eine große Führungspersönlichkeit, und von einem deutschen Standpunkt aus hat sie einen ausgezeichneten Job gemacht. Ich bin auch überzeugt davon, dass sie sich dem Euro und der Europäischen Union gegenüber aufrichtig verpflichtet fühlt. Aber sie führt Deutschland und Europa in die falsche Richtung. Sie hat nicht verstanden, dass der Euro die Europäische Union zerstören könnte. Und dass es wichtiger ist, die Europäische Union zu erhalten als den Euro.

Warum interessieren Sie sich so dafür, was mit Europa passiert? Sie könnten sich doch eigentlich bequem in Ihrem New Yorker Domizil zurücklehnen, weitere Milliarden für gute Zwecke spenden, und wenn Ihnen irgendwo auf der Welt etwas gegen den Strich geht, die Nachrichten ausschalten. Was treibt Sie an, da mitzumischen?

Wenn es mir möglich wäre, die deutsche Öffentlichkeit wachzurütteln, dann wäre das der krönende Abschluss meines Lebenswerks. Es würde alles andere, was ich erreicht habe, in den Schatten stellen. Ich habe zwar einen amerikanischen Pass, aber in meinem Herzen bin ich nach wie vor Europäer. Und es hängt jetzt allein an Deutschland, die Eurokrise zu lösen. Es ist eine schwere Krise in einem sehr wichtigen Teil der Welt. Die Europäische Union ist die Verkörperung einer offenen Gesellschaft, wie Popper es genannt hat, das ist etwas von großer Bedeutung, nicht nur für Europa sondern für die ganze Welt. Ich halte das zurzeit für das drängendste Thema überhaupt.

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