Philosophie Worauf ist noch Verlass?

Für John Locke und David Hume war Erfahrung alles. Bis Immanuel Kant an ihr zu zweifeln begann. von 

http://www.zeit.de/2012/19/PS-Erfahrung-Philosophie/komplettansicht

Wenn auch der Boden schwankt, wenn alles kopfsteht und die Welt uns um den Verstand bringt – auf eines, so glauben wir, ist immer Verlass: auf unsere Erfahrung. Die Erfahrung gibt uns festen Halt, sie ist der Anker im Nebelmeer. Wenn die Sonne scheint, dann wird es warm. Und wenn es regnet, dann wird es nass. Wir können uns nicht täuschen, die Sinne sagen uns die Wahrheit. Was wir von der Welt wissen, das wissen wir aus Erfahrung.

Philosophen glaubten das lange Zeit auch, und sie empfanden genauso wie die Menschen auf der Straße. John Locke (1632 bis 1704) zum Beispiel war überzeugt davon, dass all das, was wir wissen, »rein« aus unseren Sinnen und aus unserer Erfahrung stammt. »Woher hat der Geist all das Material für seine Vernunft und für seine Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte: aus der Erfahrung.« Kaum anders sagte es der scharfzüngige David Hume (1711 bis 1776). Die »Eindrücke«, die uns die Erfahrung verschafft, »sind alle stark und sinnfällig. Sie lassen keine Zweideutigkeit zu. Sie liegen im hellen Licht.«

Doch bald kamen den Philosophen Zweifel. Sie ahnten, dass wir uns zwar im Alltag auf unsere Erfahrungen verlassen können, nicht aber in der Wissenschaft. Die wissenschaftliche Erfahrung ist nämlich von zwei Dingen abhängig: von den Umständen, in denen sie gemacht, und von der Theorie, in der sie formuliert wird. Der Philosoph George Berkeley (1685 bis 1753) glaubte noch, dieses Problem lösen können; die Wissenschaft, meinte er, müsse nur den »Schleier« der Theorie beiseiteziehen und ein paar Undeutlichkeiten beseitigen, dann würden ihr die Objekte klar und wahr vor Augen stehen.

Genau das glaubte Immanuel Kant (1724 bis 1804) nicht mehr. Er glaubte nicht, dass wir das »Wesen« der Dinge »rein« in Erfahrung bringen könnten, denn die Dinge seien immer schon durch unsere »Vorgaben« erfasst. Es gibt kein Ding an sich, es gibt nur ein Ding für uns. Wir erkennen, so Kant, von den Objekten nur das, was wir, die Subjekte, »selbst in sie legen«. Das war Kants kopernikanische Wende, und sie bedeutete damals eine Revolution der »Denkungsart«.

Wenn es kein »Ding an sich« gibt – was folgt daraus für unsere Alltagserfahrung? Kann man überhaupt noch unbeirrt einen Fuß vor die Tür setzen? Müsste man nicht ständig daran zweifeln, ob die empirische Erfahrung, auf einer Bananenschale auszurutschen, theoretisch überhaupt möglich ist? Natürlich hatte es Kant so nicht gemeint, und seine Zeitgenossen durften beruhigt sein: Die Welt der Alltagserfahrung ist zwar unbewiesen, aber bewährt. Morgens geht die Sonne auf, und abends geht sie unter. Mag sich der Wissenschaftler über die Theorieabhängigkeit seiner Erfahrung auch den Kopf zerbrechen – unser Alltag bleibt zum Glück davon verschont.

Und doch ist es mit dieser sauberen Trennung von Wissenschaft und Lebenswelt nicht mehr weit her. Auf ganzer Breite sickern heute wissenschaftliche Erkenntnisse in den Alltag ein und infiltrieren unsere Erfahrung. In Buchhandlungen liegen populärwissenschaftliche Lebensratgeber gleich tonnenweise aus, sie sind die Bibeln der Gegenwart, ihnen glauben wir aufs Wort, sogar bei der Kindererziehung. Pausenlos mathematisieren wir unsere Erfahrung, wir lassen sie statistisch erfassen, vermessen und bewerten, und selbst wer nur ein paar Meter durch den Wald hüpft, vertraut nicht mehr der Erfahrung seines Körpers, sondern nur noch seinem Pulsmessgerät.

Allerdings: Wenn alles in Maßeinheiten verrechnet, wenn alles durch Ratgeberwissen gefiltert und gescannt wird, dann verflüchtigt sich der Wert der gelebten Erfahrung, dann wird sie immer dünner und dümmer. Im Vergleich zu dem, was wissenschaftlich zweifelsfrei »gemessen« werden kann, zieht die Erfahrung von vornherein den Kürzeren, sie wird klein und unscheinbar – man traut ihr nicht mehr über den Weg. »Die Erfahrung«, schrieb der Philosoph Walter Benjamin (1892 bis 1940), «ist im Kurs gefallen… Arm sind wird geworden. Ein Stück des Menschheitserbes nach dem anderen haben wir dahingegeben, oft um ein Hundertstel des Wertes im Leihhaus hinterlegen müssen, um die kleine Münze des Aktuellen dafür vorgestreckt zu bekommen.«

Etwas anderes kommt hinzu, und einem David Hume wäre dies ganz ungeheuerlich vorgekommen: Die Erfahrung der Natur kann uns täuschen. Man denke an den 1. Mai 1986, einen hinreißend schönen Frühlingstag. Die harmlos aussehenden Wolken, die am strahlend blauen Himmel vorüberzogen, waren radioaktiv, sie kamen aus Tschernobyl. Heute wissen wir nicht mehr, ob ein Unwetter noch ein «Naturereignis« ist oder bereits die Folge der Klimakatastrophe. Handelt es sich bei einem Hurrikan noch um »Naturnatur« – oder bereits um »Zivilisationsnatur«?

Nicht wenige Philosophen und Soziologen behaupten, dass sich auch das moderne Subjekt dramatisch verändert hat. Den Insassen der Wissensgesellschaft falle es deutlich schwerer als früher, Erfahrungen zu sammeln: Der Einzelne hat zwar jede Menge Erlebnisse, aber es gelingt ihm nicht mehr, diese Erlebnisse in Erfahrungen zu verwandeln, in eine kohärente »Erzählung« des eigenen Lebens. Doch ohne einen festen Erfahrungskern reagieren die Menschen nur noch reflexhaft und situativ – und eben nicht mehr »klug aus Erfahrung«. Was dann an Lebenserfahrung noch übrig bleibt, das droht durch technische Entwicklungen und Innovationen rasend schnell entwertet zu werden. Das Subjekt der Erfahrung sieht plötzlich »sehr alt« aus.

Was also tun? Die Pragmatiker unter den Philosophen, also jene, die John Dewey (1859 bis 1952) als ihren Helden verehren, raten allen Erfahrungsskeptikern, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Mag unsere Identität auch fragiler sein als früher – das Ideal der mündigen, durch Erfahrung gebildeten Person könnten wir gar nicht aufgeben. Die Wissensgesellschaft ist zu unserer »zweiten Natur« geworden, es gibt keinen Notausgang, um ihr zu entkommen. Denn ob wir wollen oder nicht: Wir sind dazu verurteilt, Erfahrungen zu machen. Und sei es nur die, dass unsere Erfahrungen viel brüchiger sind als früher.

Anuncios

Deutsch-English? Wissenschaftssprache

Algunas relfexiones sobre modernidad, utilidad de “linguas francas” o  “Fach-Chinesisch”:

Die Zeit Dez. 2012 :
http://www.zeit.de/wissen/2012-12/Wissenschaftssprache-Deutsch

Wissenschaftssprache Scientific community soll mehr Deutsch wagen

Englisch ist die Weltsprache der Wissenschaft. Kritiker sehen die deutsche Sprache bedroht und wollen sie um jeden Preis retten. Lohnt sich das? Von Amory Burchard

Deutsche Forscher können in der scientific community mitreden. Englisch, die lingua franca der globalisierten Wissenschaft, beherrschen die allermeisten so gut, dass sie ihre Vorträge bei internationalen Konferenzen problemlos in der Fremdsprache halten können. Viele schreiben auch ihre Aufsätze selbstverständlich auf Englisch. Denn gerade in den Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften würden ihre Publikationen ansonsten gar nicht zählen, nicht in weltweiten Rankings, aber vielfach auch nicht mehr im deutschen oder europäischen Wettbewerb um Rangplätze und Fördermittel.

Zu Recht sind Professorinnen und wissenschaftliche Mitarbeiter stolz auf ihr gutes Englisch, in dem sie auch fließend small talk mit Gästen aus aller Welt halten. Wer dagegen in der wissenschaftlichen Kommunikation auf dem Deutschen beharrt, steht im Verdacht, des Englischen nicht wirklich mächtig zu sein – und erscheint rückwärtsgewandt. Oder aber er verbindet eine sprachpolitische Botschaft damit.

Auf einer Zeichnung ist der Kopf eines Mannes zu sehen, dessen Mundwinkel nach unten zeigen. Um ihn herum steht viele Male das Wort

Tatsächlich sind aus der Wissenschaft immer dringlichere Aufrufe zu hören, Deutsch als Wissenschaftssprache zu retten. Ein Arbeitskreis dieses Namens verfasst seit Jahren Petitionen, macht Lobbyarbeit in Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen und Ministerien. Der Kern der Botschaft: Das Englische habe zwar große Bedeutung als internationale Verständigungssprache, doch dies dürfe nicht dazu führen, dass das Deutsche “auch im Inland aus dem Wissenschaftsbetrieb verdrängt und damit für die Vermittlung ganzer Wissensgebiete unbrauchbar wird”. Das Wissenschaftsenglisch, das von Nicht-Muttersprachlern gesprochen wird, geht den Vorkämpfern ohnehin gegen den Strich. Der Berliner Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant nennt es verächtlich “Globalesisch”.

Wird das Deutsche aus der Wissenschaft verdrängt?

Eines der zentralen Argumente ist ein sprachwissenschaftliches. Die Beschränkung auf Englisch als lingua franca bedeute eine kognitive Einschränkung. Konzepte sind an oft unübersetzbare Begriffe gebunden. Ein Beispiel aus der Kunstwissenschaft: Übersetzt man Gestaltung mit design, bedeutet das eine Verflachung.

Die Kampagne zeigt erste Erfolge. So haben sich der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die ebenfalls im wissenschaftlichen Austausch aktive Alexander-von-Humboldt-Stiftung ebenso wie die Hochschulrektorenkonferenz in jüngster Zeit verpflichtet, sich verstärkt für die Pflege des Deutschen einzusetzen.

Doch selbst auf nationalen Konferenzen werde weiterhin auch dann auf Englisch referiert und publiziert, wenn die Teilnehmer durchweg deutschsprachig sind, beklagen die Aktivisten. Und in internationalen Studiengängen und Graduiertenschulen der Unis gibt es die geforderten obligatorischen Deutschkurse noch nicht. Neuer Schwung soll von einer Initiative der Volkswagen-Stiftung ausgehen, Wissenschaftler und Politiker miteinander ins Gespräch zu bringen. Herausgekommen ist jetzt das Buch Deutsch in der Wissenschaft.

Seite 2/2:

“Der Zug ist abgefahren”

Bei der Buchvorstellung am Dienstagabend in Berlin warnte der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, die deutsche Wissenschaft vor der Selbstaufgabe: “Je weniger in der Wissenschaft Deutsch gesprochen wird, um so weniger wird die Gesellschaft über Wissenschaft sprechen.” Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hebt in seinem Beitrag zum Buch hervor, dass der Kontakt zwischen der Wissenschaft und dem Bürger durch die Anglisierung verloren geht. Denn die wissenschaftliche Elite in Deutschland hege “ein Verhältnis der Verachtung” für ihre Muttersprache.

Dies dürfte die Zoologin Brigitte Jockusch (TU Braunschweig) kaum gelten lassen. Schmerzlich spürt sie den Verlust der Kommunikationsfähigkeit, wenn deutsche Zellbiologen sich ausschließlich auf Englisch an der Fachdiskussion beteiligen können. In internationalen Publikationen würden deutsche Beiträge häufig nur deshalb abgelehnt, weil sie sprachlich nicht dem Standard entsprächen.

Jockusch beklagt auch das “bad english“, in dem deutsche Professoren in rein englischsprachigen Studiengängen in Deutschland lehren. Die Braunschweiger Zoologin beschreibt die Enttäuschung zweier Biologiestudentinnen aus China, die zu Hause zwei Jahre lang Deutsch gelernt hatten, es an der deutschen Uni aber kaum anwenden konnten. Unter den gegebenen finanziellen und zeitlichen Bedingungen für Studierende und Nachwuchswissenschaftler könne man aber nicht von allen verlangen, die Landessprache zu erlernen. Und für deutsche Lebenswissenschaftler wäre es aussichtslos und geradezu karriereschädigend, bei Konferenzen oder Publikationen zum Deutschen zurückzukehren. “Der Zug ist abgefahren”, schreibt Jockusch. Doch Restbestände sollten durchaus verteidigt werden. Forscher müssten sich etwa wehren, wenn Fachzeitschriften sogar das bloße Zitieren deutschsprachiger Aufsätze in auf Englisch verfassten Artikeln verbieten.

Deutsche Professoren sprechen oft schlecht Englisch

Sind also die Geisteswissenschaften die Domäne, in der Deutsch als Wissenschaftssprache wächst und gedeiht? Für die deutsche Kunstwissenschaft jedenfalls galt einst, was Erwin Panofsky noch im amerikanischen Exil sagte: “The mother language of art history is German.” Doch der Aderlass durch die Verfolgung jüdischer Wissenschaftler im Nationalsozialismus führte dazu, dass auch in dieser Disziplin Englisch allmählich die dominante Sprache wurde, wie Horst Bredekamp (Humboldt-Universität) erklärt. Gleichzeitig galt aber im Weltverband der Kunstgeschichte ab 1945 eine strikte Mehrsprachigkeit. Auf internationalen Kongressen sollten vier Sprachen ohne Dolmetscher verwendet werden – Englisch, Deutsch, Italienisch und Französisch; später wurde noch Spanisch ergänzt.

Doch seit gut zehn Jahren sei in seiner Zunft wie in weiten Teilen der Geisteswissenschaften wieder eine Verengung auf das Englische zu beobachten. Bredekamps Hoffnung: Durch die Monolingualisierung “provinzialisieren” sich die englischsprachigen Geisteswissenschaften. Eines Tages müssten sie wieder fremde Sprachen – auch Deutsch – lernen, um konkurrenzfähig zu werden.

Dass ihr Anliegen, Deutsch als Wissenschaftssprache zu forcieren, provinziell sein könnte, darauf kommen die Initiatoren gar nicht. Alle plädieren “für die Mehrsprachigkeit: für Deutsch als Wissenschaftssprache unter anderen Sprachen”, wie Goethe-Chef Lehmann sagt.

Erschienen im Tagesspiegel

Und hier ein Vortrag zum Thema:

Deutsch als Wissenschaftssprache  

Ein Vortrag von Jürgen Trabant

“Über abgefahrene Züge – das Deutsche und andere Sprachen der Wissenschaft” von Jürgen Trabant.

Link zur online Radio Emission 😉
http://wissen.dradio.de/linguistik-deutsch-als-wissenschaftssprache.88.de.html?dram:article_id=12528#

Sollen Wissenschaftler ausschließlich in Englisch reden? Oder noch mehr: Sollen junge Menschen in den weiterführenden Schulen der Bundesrepublik in bestimmten Fächern nur noch auf Englisch unterrichtet werden? Was viele Eltern so sehr schätzen, hat große Nachteile für unser Land. Zu diesem Schluss kommt unser heutiger Referent Jürgen Trabant, Professor for European Plurilingualism an der “Jacobs University” in Bremen.

Geboren wurde Trabant 1942 in Frankfurt am Main. Er hat Romanistik, Germanistik und Philosophie studiert und 1969 promoviert. Von 1980 bis 2008 lehrte er an der Freien Universität Berlin. Er befasst sich vor allem mit italienischer und französischer Sprachwissenschaft. Seine Stichwörter auch für den nun folgenden Vortrag sind Sprachpolitik, Semiotik, Sprachphilosophie, Geschichte des europäischen Sprachdenkens und die historische Anthropologie der Sprache.

Gehalten hat er seinen Vortrag am 21. Januar dieses Jahres in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

 

Glossar für Studenten Akademisch für Anfänger

Ob ECTS oder O-Woche: Dozenten, Medien und Langzeitstudenten bedienen sich gern gehobenen Uni-Sprechs. Unser Crashkurs mit Begriffen von A bis Z hilft verstehen.

online: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2012-10/Glossar-Uni-Einstieg

A wie Akademische Viertelstunde
A wie Alumni
A wie AStA
A wie Audimax
B wie BAföG
B wie Berufsqualifizierender Abschluss
B wie Bildungsfonds
B wie Blockveranstaltung
B wie Bologna-Reform
C wie Credit Points

……