Widerstand leisten – nur wie?

Widerstand leisten – nur wie?

Der Soziologe Harald Welzer stößt jeden von uns auf seine Verantwortung Von Hilal Sezgin

24. März 201316:47 Uhr

Die Suche nach politischen Alternativen geht voran. Nach Stéphane Hessels lautem Empört euch! und Christian Felbers Gemeinwohl-Ökonomie treten immer mehr Autoren an, Wege in eine lebbare Zukunft zu entwerfen. Auf die große Revolution wartet keiner mehr – doch Reförmchen sind denn auch zu wenig. Erhofft wird vielmehr ein Zauberwerk – im eigenen, im alltäglichen Leben kleine Veränderungen anzustoßen, die große Wirkung haben.

Für diese Aufgabenstellung scheint der Soziologe Harald Welzer prädestiniert. Welzer, Jahrgang 1958, hat bedeutende sozialpsychologische Untersuchungen zu Mittäterschaft und Widerstand im Nationalsozialismus durchgeführt und Studien zu möglichen Folgen des Klimawandels. Er lehrt in Flensburg Transformationsdesign und hat Futurzwei, die Stiftung Zukunftsfähigkeit, begründet, der er vorsteht. Genau dieses Zusammenspiel von historischer und prophetischer, von globaler und mikroskopischer Perspektive ist auch nötig, um voranzukommen. Denn an der Schnittstelle zwischen den Katastrophen von Vergangenheit und Zukunft liegen die Fehlentscheidungen von heute. Bei uns törichten spätkapitalistischen Menschen, die so vieles begehren und umsetzen, was Erde und Mitmenschen auf Dauer ruiniert.

Wir stecken – so Welzers Analyse – leider noch tief in den Zukunftswünschen der Nachkriegszeit, in der man lernte, dass Zukunft aus immer mehr Möglichkeiten bestehe. Mehr erfinden, mehr produzieren, mehr konsumieren! Alles soll machbar, kaufbar sein, sofort. Tatsächlich befinden wir uns an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem abzusehen ist, dass die Zukunft eben keine Verlängerung der Vergangenheit und ihrer Glücksvorstellungen sein kann.

Unsere Politik, schreibt Welzer, sei »chronisch von gestern«, und weiter: »Handlungsfähig wäre sie nur, wenn sie noch etwas zu gestalten hätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht.« Und weiter: Es gehe heute »nicht mehr um Korrekturen, sondern um eine Umkehr«. Dabei denkt er gerade auch an viele der Maßnahmen, die wir einer ökologisch orientierten Politik zurechnen. Angemessen hart geht Welzer mit allen ins Gericht, die meinen, ein grünes Etikett auf der Plastikverpackung entlaste die Müllstrudel im Pazifik und mit dem Kauf von AAA-Kühlschränken sei die Energiewende eingeleitet.

Nicht reparierbare Produkte hat unsere Wirtschaft längst erfunden, aber noch im Produzieren von »nachhaltigen« Waren treibt sie vor allem eines voran: den Verbrauch. Das grundlegende Problem bleibe – eine »Kultur des ALLES IMMER«. Im Grunde, so Welzer, müssen wir neue Wege des Benutzens, des Teilens, des Wollens und Genießens finden.

So weit ist Selbst denken eine gelungene Mischung aus Pamphlet, Essay und Soziologiebuch. Engagiert, leidenschaftlich und belesen. Doch im Vergleich zur klaren Diagnose sind die Therapievorschläge holprig. Da denkt Welzer einiges an, fügt es aber nicht wirklich zusammen. In der Buchmitte lobt er Tugenden wie Eigenverantwortung und Sparsamkeit, wenig später porträtiert er ein paar vorbildliche »selbst denkende« Unternehmer, auch Kulturprojekte und Initiativen. Am Ende kommt eine Liste mit zwölf befeuernden Slogans wie »Leisten Sie Widerstand, sobald Sie nicht einverstanden sind« und »Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert!«. Letzteres ist natürlich Unsinn. Genau wie Welzers rasches Abfertigen der Konsumboykott-Bewegungen: seiner Meinung nach nicht hinreichend politisch. Er sieht wohl nicht, dass bewusste Konsumenten viel mehr tun als bloß: nicht kaufen. Sie fordern die Wirtschaft heraus, sich umzubauen, sie distanzieren sich vom simplen Imperativ des »Alles-Immer«. Politische Konsumenten versuchen, die Elemente Produktion, Information und Entscheidung neu zu verbinden. Und zwar gemeinsam.

Auch Welzer erklärt, dass Widerstand Gemeinschaften braucht, »Wir-Gruppen, in denen spezifische Selbstbilder etabliert werden, die wiederum Handlungsbereitschaft, Mut, Selbstvertrauen, Phantasie freisetzen«. Solche Gruppen nennt Welzer Resilienzgemeinschaften. Das ist das Stichwort, das sich dem Lesenden am stärksten einprägt. Wenn man wohlwollend ist – und man sollte es sein, denn in dieses Buch hat der Autor viel Recherche und sichtlich Herzblut einfließen lassen –, könnte man Welzers Kernbotschaft zusammenfassen: Selbst denken ist unerlässlich, im Alleingang gegen die Kultur des »Alles-Immer« aber schwierig. Doch in geeigneten Gruppen und Nischen lässt sich bereits heute ein anderes Leben für morgen proben.

Das ist eine versöhnliche Vision – aber zu kleinteilig: Sollte unsere Zukunft wirklich in den Händen der beschriebenen Solargenossenschaften, Theaterprojekte und Recyclingbörsen liegen? Den Vorwurf, zu wenig Durchschlagskraft zu besitzen, kann man jedem Vorschlag machen, es sei denn, er proklamierte die eine alles umwälzende Revolution, die man als unrealistisch beschimpfen würde. Und so ist das Unbefriedigende am Ausklang von Welzers Buch auch weniger, dass sich seine Vorschläge etwas bescheiden ausnehmen, sondern dass sie mit der so überzeugenden Problembeschreibung der ersten Hälfte des Buches intellektuell nicht mithalten können.

Dass der Kapitalismus bestimmte Bedürfnisstrukturen hervorbringt und unsere Politik hier als Erfüllungsgehilfe einer bestimmten Wirtschaftsform beschrieben wird, zu dieser Analyse passt nicht das muntere Motto »Wir fangen schon mal an«, das in der Sicht Welzers die Resilienzgrüppchen der Avantgarde auszeichnet. Es bleibt schwierig.

Zur Person: http://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Welzer

Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum (Teil 1)

Perspektiven der Überflussgesellschaft – Von Harald Welzer

Die politischen und ökonomischen Eliten sehen ihr Heil nach wie vor in der Erzeugung von Wachstum – dabei ist keineswegs sicher, ob die Fortschritte der letzten 50 Jahre auf Wachstum oder nicht eher auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1095078/

Stiftung Futurzwei : http://www.futurzwei.org/#index

 

Alle mal umdenken!

06.03.2013 ·  Der Kapitalismus führt zur Erstarrung des Denkens: Harald Welzer kennt das Glück des Verzichts und den Weg zu einem besseren Leben.

Von Thomas Thiel

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/harald-welzer-selbst-denken-ein-anleitung-zum-widerstand-alle-mal-umdenken-12104729.html

lühbirnen könnten ewig leben. Im amerikanischen Dorf Livermore, wo seit 1901 ununterbrochen eine Birne brennt, hängt der leuchtende Beweis. 1924 wurde die Lebensdauer der Glühdrähte aber auf Betreiben der Industrie künstlich begrenzt. Der Kapitalismus hat ein Interesse daran, dass die Dinge ein vorzeitiges Ende nehmen. Das ist der Ansatzpunkt für Harald Welzers Kapitalismuskritik: die institutionalisierte Verschwendungssucht dieses Systems. Wer den Kapitalismus kritisiert, macht zur Zeit wenig falsch. Dem Sozialpsychologen Welzer darf man unterstellen, dass er nicht nur einen modischen Reflex bedient. Er trank das Wasser seiner Predigt. Vor wenigen Jahren gab er seine Professur auf und gründete die Stiftung Futurzwei. Hier sammelt er positive Gegenbeispiele zur kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensform. Inzwischen kann er ein Buch damit füllen.

Der Kapitalismus, sagt er darin, wird das einundzwanzigste Jahrhundert nicht überstehen. Besser gesagt: Nur ein kleiner Teil von uns wird den Kapitalismus überstehen – der am besten mit ihm paktiert. Wenn eine expansive Wirtschaftsform auf begrenzte Ressourcen trifft, ist der Konflikt programmiert. Die Klimaprognosen im Nacken, fällt der Widerspruch schwer. Welzer lässt aber, und darin liegt seine größte Angriffsfläche, technischen Fortschritt nicht gelten. Bis hinein ins ökologische Milieu setze man heute schon viel zu sehr darauf, dass es die Technik irgendwie richten wird. Das verzerrt seine Prognose, trifft aber insofern zu, als seine Kritik auch der technischen Umformung von Natur gilt.

Man verschlingt die Oper wie den Burger

Hier nämlich liegt für ihn das Problem: Der von der glänzenden Benutzeroberfläche verführte Kunde sieht die Wertschöpfungsprozesse nicht, die hinter den Produkten stecken, das Leid der Arbeiter von Bangladesh bis Bad Hersfeld, die öden Arbeitsroutinen, das der Erde entrissene Material. Seit Marx nennt man das Warenfetischismus. Neu ist, so Welzer, dass auch das Wissen nur noch als Endprodukt und nicht in Genese und Erwerb erscheint. Die auf Wachstum gepolte Wirtschaft zielt immer mehr auf eine Belagerung des Denkens. Irgendjemand muss die Produktionssteigerung nun einmal schlucken. Sagt die Kanzlerin: „Ohne Wachstum ist alles nichts.“ Sagt Welzer: Der Verstand wird im Überfluss ertrinken.

Kapitalismus heißt die klandestine Bewirtschaftung des Bewusstseins, die Erstarrung des Denkens in Routinen. Man liest insgesamt wenig zu den neuen medialen Formen, in denen sich der kognitive Kapitalismus breitmacht. Welzer führt seinen Kampf in der Hauptsache gegen traditionelle Gegner, das selbstzufriedene Konsumenten-Ego, das seine Kaufentscheidungen für die eigene Wahl hält, die perfide Hässlichkeit der Gewerbegebiete, den Flächenwuchs der Flachbildschirme, nicht unerwähnt lässt er den mentalen Dauerbeschuss durch Update-Industrie und Social-Media-Querulanten. Sein Lieblingsfeind ist der mit der digitalen Kultur ubiquitär gewordene Verfügbarkeitsanspruch. Schon Utopien beginnen ja heute mit dem beleidigten Einfordern permanenten Konsumglücks.

Dabei ist der Mensch eigentlich hilfreich und gut. Welzer stützt seinen Optimismus auf ein Experiment des Leipziger Anthropologen Michael Tomasello, das die spontane Hilfsbereitschaft von Kindern belegt. Erst bei ausbleibender Belohnung sank ihre Hilfsbereitschaft. Erst der Kapitalismus, resümiert Welzer, hat den Menschen zum engherzigen Egoisten transformiert. Der kognitiv nicht zu bewältigende Optionenbeschuss macht den Konsumismus schließlich zur Grundeinstellung. Man verschlingt die Oper wie den Burger. Die Kehrseite des Wachstums ist die innere Ruhelosigkeit, das Gefühl, nie an ein Ende zu kommen. Nicht einmal der Konsum macht noch richtig Spaß, wenn so wenig Zeit dazu bleibt.

Zu nah an der Sprache des Gegners

„Probieren Sie einmal, wenn Sie mitteilen, dass Sie jetzt nichts mehr lernen möchten, es sei nun mal genug. Oder nicht mehr verreisen möchten, Sie hätten schließlich genug gesehen. Und überhaupt wollten Sie sich nicht mehr entwickeln, sie seien nun einfach fertig.“ Eskapismus ist aber nicht Welzers Ausweg. Sein Rezept: Verzicht und alternative Wirtschaftsformen. Ohne Wohlstandseinbußen werden Umwelt und Wirtschaft keine Partner. Das ist nicht schlimm, denn im Verzicht liegt Befreiung. Braucht man eine Bohrmaschine, wenn man sie nur dreizehn Minuten im Jahr benutzt? Welzer sieht überall Alternativen heranwachsen: Gemeinwohlökonomien, Genossenschaften in Solar- und Wohnungsprojekten, Leute, die Gegenstände umnutzen, reparieren, teilen, die das Wohnzimmer ihrer Nachbarn renovieren, um dafür die eigene Homepage eingerichtet zu bekommen, Recyclingbörsen, Crowd-Funding und Open-Source-Projekte. Die Argumentation ist aber narrativ und nicht systematisch. Lose ins Feld geworfene Schlagworte wie Konsumverzicht, Arbeitszeitverkürzung und bedingungsloses Grundeinkommen sind mehr mentale Befreiungsschläge als konsequente Anleitung zum Systemwechsel.

Ohne die Bestätigung in Milieus und den Halt von Strukturen werden aber wenige auf Dauer zum besseren Leben bereit sein. Oft ist es nicht fehlende Einsicht, sondern der Wunsch nach sozialer Teilhabe, der Gewissen und Tun nicht zur Deckung kommen lässt. Für Welzer ist diese Kluft eine Folge unbewusster Routinen, unaufgeklärten Konsums und erstickter Phantasie. Man glaubt gar nicht mehr, dass es auch anders geht. Er wird nicht müde, die Pflicht zum Umdenken zu betonen. Nur der Leser wird es angesichts der sloganhaften Darreichungsform auf Dauer ein bisschen überdrüssig, auch wenn er vielem herzlich zustimmt. Vokabeln wie „Zeitwohlstand“ und „permanente Achtsamkeit“ liegen schon wieder zu nah an der Sprache des Gegners.

Harald Welzer: „Selbst Denken“. Ein Anleitung zum Widerstand. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 336 S., geb., 19.99 €.

Leseprobe: Welzer Selbst DenkenLP_978-3-10-089435-9

Kapitalismus – Diskurskritik

http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus

Diskurskritik: Und er triumphiert doch!

Seit Jahren ist kaum etwas populärer als die Kritik am Kapitalismus. Anmerkungen zu einem überreizten Diskurs.

Über Kritik kann der Kapitalist nur herzhaft lachen: Larry Hagman als J. R. Ewing aus "Dallas".

Über Kritik kann der Kapitalist nur herzhaft lachen: Larry Hagman als J. R. Ewing aus “Dallas”.

Auch wenn die Anti-Globalisierungsproteste, die Attac- und zuletzt die Occupy-Bewegung sanft eingeschlafen sind, blüht die intellektuelle Kapitalismuskritik. Wer vor vierzig Jahren etwas voreilig den »Spätkapitalismus« diagnostizierte, warnt heute vor »Postdemokratie« oder »marktkonformer Demokratie«. Die angebliche Allmacht »der Märkte« ist längst zur simpel gestrickten Fata Morgana unserer Zeit geworden. Interessanterweise glauben beide daran: die Apologeten an die heilsame totale Machtergreifung der Märkte, die Gegner an deren finstere totale Machtergreifung über die Menschen.

Dabei gehört zu den faszinierenden historischen Schauspielen, wie erfolgreich das kapitalistische Ordnungsmodell nach 2008 gerettet werden konnte. Wenn die große Weltwirtschaftskrise von 1929 den Vergleichsmaßstab bietet, so sei an damalige, von vielen gefeierte Reaktionen erinnert: Hitlers Führerstaat und Stalins gewaltsame Industrialisierung nach Plan. Roosevelts New Deal rettete zwar Amerika, allerdings wurde erst 1941 das Bruttosozialprodukt von 1929 überboten. Ganz anders heute: Milliardengewinne überall, das amerikanische Bruttoinlandsprodukt lag bereits 2011 wieder über dem von 2007, und soeben hat Barack Obama eine transatlantische Freihandelszone forciert. Selbst in schwer gebeutelten Ländern wie Spanien und Griechenland mit brutaler Arbeitslosigkeit wurde mitnichten die Systemfrage gestellt, Protestbewegungen blieben marginal. Bequeme Arroganz mag darin rätselhafte Apathie sehen. In Wahrheit spiegelt sich in der Ruhe womöglich ein tiefes Vertrauen in die Lösungskompetenz des Systems: Zu frisch ist dort die Erinnerung an die gewaltigen Fortschritte nach zuvor üblen Diktaturen.

Der Kapitalismus steckte eigentlich in einem anderen Kampf. Schließlich hatte am 11. September 2001 Osama bin Laden die beiden »Schwurfinger des Geldes« (Botho Strauss) und damit noch einmal die herrschende kapitalistische Moderne angegriffen. Das System jagte ihn und brachte ihn zehn Jahre später zur Strecke. Nur noch zwei Terroranschläge hatte Al-Kaida bis dahin zustande gebracht, in Madrid und London, der geplante Weltbürgerkrieg fiel aus. Beides, die Abwehr des Terrors und die Abwehr der Krise, ergibt jenen Doppeltriumph des Kapitalismus, dessen Zeuge wir gegenwärtig sind. Und es ist daher überfällig, den wohl meistverspotteten Denker der Gegenwart zu rehabilitieren. Francis Fukuyama hatte 1992 vom »Ende der Geschichte« gesprochen und damit gemeint, dass nach dem Untergang der Totalitarismen nur mehr die liberale Demokratie weltweit als konkurrenzloses Ordnungsmodell übrig geblieben sei. Zwanzig Jahre später bestätigt ihn unsere Epoche eindrucksvoll. Populismus und Kommunismus haben nicht erneut ihr Haupt gehoben. Selbst die Rede vom »asiatischen Modell« – autoritärer Kapitalismus ohne Demokratie – ist verstummt, seit der dramatische Systemwandel in China zaghafte Freiheiten nach sich zieht. Und CEOs sind heilfroh, dass sie die Demokratie haben, deren legitimierte Entscheidungen die Rechtssicherheit für Geschäfte erst schaffen – und daher auch mal systemrelevante Unternehmen retten können. Nirgendwo taucht mehr eine Alternative auf, das System ist momentan – horribile dictu – tatsächlich alternativlos.

Dass die Unerschütterlichkeit des derzeitigen Systems neokommunistische Denker von Alain Badiou bis Slavoj Žižek nicht erschüttern würde, war klar. Das Publikum genießt voller Angstlust die Sirenengesänge der Kritiker. Anderntags aber wird weiter in den Fonds der gemeingefährlichen Investmentbanker eingezahlt. Auch das ist Systemvertrauen.

Dabei kehren alte Kritikmuster wieder. So knüpft Frank Schirrmacher in seinem Buch Ego. Das Spiel des Lebens ideengeschichtlich an jene Manipulationsthesen an, die vor hundert Jahren viele Denker in der damals als extrem beschleunigt empfundenen Massengesellschaft erfanden. Damals entmündigte Henry Fords Fließband den Menschen, heute scheinen uns Computeralgorithmen zu beherrschen. Nun mag man sich von den Steuerungsfantasien von Wissenschaftlern, Entwicklern und Produktmanagern durchaus erschrecken lassen – dass eine komplexe Weltgesellschaft mit sieben Milliarden Köpfen algorithmisch kontrolliert werden kann, erscheint freilich als unwahrscheinlich.

Neben der munteren alten Tante Apokalypse wirkt ihre Schwester Nostalgie mindestens ebenso verführerisch. Glanzvolle Verfallsgeschichten lassen sich über die Ökonomie, über den guten Keynes und den bösen Hayek erzählen. Die gängige berichtet von den prächtigen Jahren nach 1945, als der westliche Staat noch steuern konnte, bis dann Hayeks Truppen seit den siebziger Jahren überall die Macht übernahmen, den Staat entmachteten und die Finanzmärkte so lange entfesselten, bis diese 2008 taumelten. Gewiss, die gesellschaftlichen Verwerfungen durch den finanzmarktgetriebenen, globalen Kapitalismus kann niemand leugnen, ebenso ihre sozialen Folgekosten. Doch simpler Plot und Fixierung auf die Negativbilanz verstellt das Verständnis für seine ungebrochene Akzeptanz.

Erfolg des Kapitalismus beruht auch auf dem Egoismus zum Nachteil anderer

Seit der Erfindung der Dampfmaschine hat der Kapitalismus die »größte Wohlstandsvermehrung der Weltgeschichte ausgelöst«, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe feststellte. 1960 lebten noch drei Milliarden Menschen auf der Welt, heute ernährt sie sieben Milliarden; betrug die durchschnittliche Lebenserwartung auf dem Planeten um 1950 noch 47 Jahre, stieg sie bis heute auf 68 Jahre. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte das kapitalistische System dann eine weitere technologische Revolution in Szene und mutierte zum »digitalen Kapitalismus«. Dieser hat ja nicht nur in kurzer Zeit für uns edle Weine und Schokoladen, veganes Essen, postmaterielle Daseinsformen und raschen Wissenszugang möglich gemacht. Weltweit enorm ausgeweitet haben sich durch ihn Lebenschancen und Teilhabe für seit Jahrtausenden Entrechtete, für Frauen, Farbige, Homosexuelle und Behinderte; selbst die »Idiotie des Landlebens« (Marx) verschwindet. Wer dagegen das scheinbare Glück von 1970 beschwört, dem sei Bernard Mandevilles Satz aus dessen Bienenfabel entgegengehalten: »Wer will, dass eine goldne Zeit / zurückkehrt / sollte nicht vergessen / man musste damals Eicheln fressen.«

Das Monster Finanzkapitalismus ist ein ständig randalierendes, aber immer wieder zähmbares Nutztier. Es verhalf der digitalen Revolution zum Durchbruch – iPhone und Investmentbanking sind insofern zwei Seiten einer Medaille. Erst durch die Möglichkeit, kurzfristig immense Investitionen zu bewegen, waren die gigantischen technologischen Schübe möglich. Zu leicht verliert die Kapitalismuskritik aus dem Auge, dass Ökonomie etwas mit Problemlösungsversuchen zu tun hat: So wie nach 1945 Keynesianismus die Antwort war auf die Notwendigkeit, stabile Ordnung zu etablieren gegen Inflations-, Revolutions- und Kriegsangst, so bot die marktliberale Öffnung Ende der siebziger Jahre eine Antwort auf erstarrte Strukturen, um der Innovationsdynamik gerecht zu werden. Neue Regeln und Institutionen sind heute die Antworten auf 2008.

Zum Projekt der kapitalistischen Moderne gehören ihre wiederkehrenden Krisen. Aber die Geschichte kann Zuversicht lehren, auch für den Kampf gegen die Schandflecken des Systems: Guantánamo, Favelas, Drogenkriege, versklavte Minenarbeiter mit Hungerlöhnen, die zur obszönen Reichtumsvermehrung von Aktionären beitragen, absurde Spekulationsgewinne und vieles mehr; hinzu kommen Klimawandel und dramatischer Ressourcenverbrauch. Doch so, wie die verelendeten Proletarier aus Manchester der Not entkamen, können auch diese Übel durch Interessenkämpfe und Innovation im wandlungsfähigen Kapitalismus allmählich verschwinden. Ein Blick nach Afrika, lange Kontinent des Grauens: In den siebziger und achtziger Jahren brachten ewige Bürgerkriege in Nigeria, Angola und Äthiopien mehrere Millionen Tote; hinzu kamen in Äthiopien und der Sahelzone mindestens anderthalb Millionen Hungertote – sträflich vergessener Horror, unvorstellbar in Zeiten schneller globaler humanitärer Hilfe.

Wie stark die kapitalistische Moderne auch ist, verschwinden wird die Kritik an ihr niemals. Sie erhellt den ewigen Schatten, der moralisch auf dem Ganzen liegt. Denn der Erfolg des Kapitalismus beruht bekanntlich nicht nur, aber eben auch auf dem Egoismus zum Nachteil anderer. Das abstoßende Antlitz des Systems, das zuletzt Rainald Goetz in seinem Roman Johann Holtrop präzise gezeichnet hat, wird auch künftig den antikapitalistischen Affekt befeuern–, so lange, bis vielleicht jene Gesetzmäßigkeit von Marx eintrifft, wonach die Produktivkräfte von den herrschenden Produktionsverhältnissen derart gehemmt werden, dass die Menschen diese Verhältnisse umstürzen und neue schaffen. Das dürfte noch eine Weile dauern.